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Urige Zeiten

»Der Weg des Menschen«


Woher kommt der Mensch?

Religion gegen Naturwissenschaft

 

Charles Darwin

Krone der Schöpfung?

The Missing Link


Die Forscher

Fälschung

 

Dart und Broom

 

Das Leakey-Team

 

Das Johanson-Team


Der Stand der Forschung

Katastrophe

 

Vorfahren der Vorfahren

 

Endlich Mensch!

 

Primatenentwicklung

 

Zeitleiste der Hominidenevolution

 

Aussehen der Hominiden


Die Fundorte

Afrika

 

In der Olduvai-Schlucht

 

Afrikanische Habitate

 

Entdeckungen 1924-1985


Was ist Mensch?

Mensch = Werkzeugmacher?

 

Schädelvergleich

 

Skelettvergleich


Materialangebot


 
 

Religion gegen Naturwissenschaft   top

Wir heutigen Menschen leben eigentlich - wie man so schön sagt - im "Hier und Jetzt". Über unsere Geschichte denken wir allenfalls in der Schule nach und haben daraus offenbar auch nicht allzu viel gelernt. Kriegerische Auseinandersetzungen in aller Welt beweisen das täglich. Unsere Zukunft scheint uns ebenfalls nicht besonders zu bekümmern, sonst würden wir mit unserem Lebensraum Erde anders umgehen. Vergangenes interessiert uns erst dann, wenn für unsere medienorientierte Gesellschaft eine Sensation herausspringt. Hunderttausende sahen spektakuläre Ausstellungen über Tut-ench-Amun, die chinesische Reiterarmee oder die Dinosaurier. Da überrollt uns die Geschichte wie ein Hollywood-Film, handlich und in Portionen verabreicht. Auch ein Bronzezeit-Mann, der plötzlich aus dem Gletschereis auftaucht, kann uns noch locken. Doch mit uns selbst hat das alles wenig zu tun. Oder doch?

Mir jedenfalls geht es so, dass der Blick auf eine dreitausendjährige Mumie Fragen aufwirft, die sich mir anders vielleicht nicht gestellt hätten. Was ist der Mensch, woher kommt er? Was ist Leben, was Vergänglichkeit? Welche Bedeutung hat die Dimension Zeit dafür?  

Für die Religion lösen sich derlei Probleme einfach. Zeiträume haben im wahrsten Sinne des Wortes biblische Ausmaße. Die Vergangenheit des Menschen lässt sich anhand der Bibel, nimmt man sie wörtlich, fast minutiös bis zum Schöpfungstag zurückverfolgen, der etwa im Jahre 4006 - traut man biblischen Angaben - vor unserer Zeitrechnung gewesen sein mag. Der Mensch lief sozusagen von Null zu seiner heutigen Form auf. Dagegen steht die moderne Naturwissenschaft. Sie forscht und denkt in ganz anderen Zeiträumen. Und sie ist fern von religiösen Fragen, wenngleich der Glaube - besser: das Wunschdenken - doch mitunter manchem Forscher denn rechten Blick verstellt. Wissenschaftliches Arbeiten erfordert zwar durchaus das Aufstellen von Annahmen und Theorien, aber diese werden - so sie sich nicht verifizieren lassen - durch neue, schlüssigere ersetzt. Ein solches Verfahren macht den wissenschaftlichen Fortschritt erst möglich, weil es niemals stagniert und niemals Absolutheitsanspruch erhebt.

 

 

Charles Darwin   top

Entscheidenden Anteil am Wandel des wissenschaftlichen Denkens, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch von eher kirchlichen Fixierungen geprägt war, hatte der Naturforscher Charles Darwin (1809-1882). Jahrelang war er durch die Welt gereist, forschte unter anderem in Südamerika, auf den Galapagos-Inseln und in Australien. Während seiner Reisen machte er Aufzeichnungen über das Verhalten von Tieren derselben Art und ihrer Unterscheidung voneinander durch die enge Einwirkung ihres Lebensraumes auf ihre Fortentwicklung. Im Jahre 1859 erschien sein Buch "Vom Ursprung der Arten", das großes Aufsehen und erbitterten Widerspruch erregte. Er stellte darin die Theorie auf, dass unter den Lebewesen eine natürliche Auslese stattfindet (Selektionstheorie). Tiere mit besonders stark ausgeprägten Eigenschaften setzen sich beim Kampf ums Dasein innerhalb ihrer Art durch, es findet eine natürliche Zuchtwahl statt. Darwin war damit der Erste, der die ständige Veränderung der Arten und das Fortschreiten der Evolution annahm. Ganz nebenbei erwähnte er, dass auch die Anfänge der Menschheit durch seine Theorie anders als bisher gesehen werden könnten. Nun aber war der Mensch genau den Gesetzen der Evolution unterworfen, die für jeden Käfer und jede Made galten. 

Seine Kritiker - und das waren zu jener Zeit erstaunlicherweise nicht in erster Linie die Kirche, sondern seine Forscherkollegen - setzten dies in eine grobe Vereinfachung um, indem sie ihm den Satz "Der Mensch stammt vom Affen ab" unterschoben. Und auch spätere Rassenfanatiker wie die Nationalsozialisten bedienten sich gern der Verdrehung der Darwin'schen Lehre, indem sie sich selbst als "starke Rasse" und die Juden als "niedere Rasse" einstuften und damit eines der schändlichsten Verbrechen der Menschheit einleiteten. Das aber hat mit Darwin nichts zu tun.

 

 

Krone der Schöpfung?   top

Heute muss man sagen, dass Darwin das Wesen der Evolution erkannt hat. Auslese und Spezialisierung sind überall in der Natur zu beobachten. Auch die von Mendel später aufgestellte Vererbungslehre unterstützt die Darwin'schen Thesen nachhaltig. Im Jahre 1871 erschien Darwins Werk "Die Abstammung des Menschen". Darin beschrieb er - das zeigen neueste Forschungsergebnisse - den evolutionären Wandel vom Menschenaffen zum Menschen doch allzu gradlinig, den Menschen von Anbeginn seines Seins vom tierischen Ursprung abhebend. Das "Menschliche an sich" aber ist das Ergebnis allerkleinster Entwicklungsschritte und lässt sich weder räumlich noch zeitlich genau lokalisieren. Der amerikanische Paläontologe Stephen Jay Gould möchte sogar die vertrauten Vorstellungen von einer aufwärts strebenden und im Menschen gipfelnden Lebensentwicklung über Bord werfen. Für ihn ist die Evolution vom Zufall gesteuert, Sprünge eingeschlossen. Das Abenteuer Leben gleicht einem Spiel mit 1024 Würfeln mit dem wenig wahrscheinlichen Ergebnis Mensch. Viele Arten haben, so Gould, durch plötzliche Ereignisse gar nicht erst ihre Chance erhalten, sich entwickeln zu können. Damit wäre aber auch Darwins These der fortwährenden Evolution durch Auslese überholt. 

Immerhin ist es aber vorbei mit dem menschlichen Anspruch, "Krone der Schöpfung" zu sein. Der Mensch ist ein Produkt der Natur und das Ergebnis eines Vorganges, der vor Jahrmilliarden die richtigen Aminosäuren in der richtigen Zusammensetzung zum Phänomen "Leben" zusammenführte. Wenn man so will, ist dies der eigentliche Schöpfungsvorgang. Möglicherweise ein Ereignis, das im gesamten Kosmos einmalig ist, weil es nur so und nur unter den gerade hier auf der Erde herrschenden Bedingungen stattfinden konnte. Möglicherweise aber ein Ereignis, das sich milliardenfach in fernen Galaxien wiederholt hat oder noch wiederholt. Vielleicht machen diese beiden Möglichkeiten das große Geheimnis des Menschseins aus, das wir niemals ergründen können. 

Ganz klar ist, dass wir Menschen den gleichen Evolutionsprozessen und -mechanismen unterworfen sind wie alle Pflanzen und Tiere unseres Planeten. Aber es scheint ungleich schwieriger, ins Dunkel unserer eigenen Vergangenheit hinabzutauchen als in die anderer Spezies. Liegt es daran, dass wir uns selbst gegenüber nicht objektiv genug sind und in all unseren forschenden Gedanken sogleich auch Wertungen und Wünsche mitschwingen? Zu oft hat sich in der Paläoanthropologie der letzten 50 Jahre herausgestellt, dass das Bild, das man gerne von der Abstammung des Menschen gehabt hätte, sich sehr schnell verflüchtigte, weil es sich durch neuere archäologische Funde nicht aufrecht erhalten ließ.

 

 

The Missing Link   top

Eindeutig ist: Der Mensch stammt nicht in direkter Linie vom Affen ab. Aber die Affen sind unsere Vettern, wobei uns die Menschenaffen noch ein wenig näher stehen. Mensch und Affe haben einen gemeinsamen Vorfahren, der noch im Dunkel der Urgeschichte verborgen ist, dessen Umrisse sich aber schon im Licht neuerer Forschung ein wenig abzeichnen. Wie sehr die Entwicklungslinien der beiden Arten einander ähneln, wird in den nächsten Kapiteln noch anschaulich werden. Deutlich jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass trotz aller Erkenntnisse das Wissen um den Ursprung der Menschheit immer noch recht bruchstückhaft ist und überwiegend aus einem - zwar wohlbegründeten, aber theoretischen - Gedankengebäude besteht. Zu entdecken wäre immer noch  "The Missing Link", das fehlende Bindeglied. Schon morgen kann ein neuer Fund die Paläoanthropologen zu völlig neuen Aussagen zwingen. Es wäre nicht das erste Mal.

So wurde im Juli 2001 in der Djurab-Wüste im Norden des Tschad ein gut erhaltener Schädel gefunden, dessen Alter bei sechs bis sieben Millionen Jahren liegt. Das Fundstück weist eine Mischung von primitiven und modernen Merkmalen auf, die darauf hin deuten, dass hier entwicklungsgeschichtlich der Weg des Affen in Richtung Mensch verlassen wurde. Ist das "The Missing Link"? Jedenfalls ist dieses Wesen doppelt so alt wie "Lucy" (siehe unten). Offenbar sind die Formen und Ursprünge der Vormenschen differenzierter als bisher angenommen.

 

 

Fälschung   top

Das Bild der Menschenforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig gewandelt. Vielfach begegneten frühere "Forscher" eher zufällig fossilen Überresten unserer Vorfahren und gingen damit auch mehr oder weniger zufällig um. So etwa der Düsseldorfer Gymnasialprofessor Fuhlrott, der 1856 die richtige Einsicht hatte, dass es sich bei den im Neandertal ausgegrabenen Knochen um frühmenschliche Exemplare handelte, nämlich die des Neandertalers. Oder der Holländer Eugène Dubois, Paläontologe von eigenen Gnaden, der sich, einer Ahnung folgend, 1891 nach Java aufmachte und dort prompt den Affenmenschen aus Java entdeckte, später als Homo erectus erectus klassifiziert.

Diese Forschungsversuche und -ergebnisse waren alle noch wenig systematisch. Die Einschätzung der Funde war sehr oft vom Wunschdenken und dem jeweiligen Weltbild des Entdeckers geprägt. Ziel war es entweder, das mystische Bindeglied der Evolution vom Affen zum Menschen zu finden, oder aber - je nach Ansicht - zu beweisen, dass die Entwicklung des Homo doch einzigartig war.

Ein besonders erstaunliches Beispiel ist der so genannte "Piltdown-Mensch", benannt nach seinem Fundort, jener Schädel, den der Hobbyforscher Charles Dawson 1912 in einer englischen Kiesgrube fand. Mehrere angesehene Wissenschaftler überprüften den Fund und schätzten sein Alter auf mehrere Hunderttausend Jahre. Jahrzehntelang galt der Piltdown als "englischer Urmensch". Erst in den Fünfzigerjahren wurde klar festgestellt, dass der Schädel ca. 500 Jahre alt und offensichtlich künstlich gealtert worden war. Ein glatter Betrug also. Wer war dafür verantwortlich? Der Entdecker vermutlich nicht, aber genau weiß man es bis heute nicht. Man wundert sich aber dennoch, wie es möglich war, dass berühmte Kapazitäten sich derart hinters Licht führen ließen.

 

 

Dart und Broom   top

Eine weitere wichtige, aber immer noch relativ unsystematische Station der Menschenforschung ist das von Raymond Dart 1924 entdeckte "Kind von Taung", der erste Australopithecus africanus, der entdeckt wurde. Die entsprechende Fortsetzung war der Australopithecus robustus, den Robert Broom 1938 fand.

Alle Forscher hatten bis dahin die Neigung, eigene Gattungs- oder Artennamen für die Fossilien zu wählen und insbesondere eine eigene Theorie der Artenentwicklung aufzustellen. Heutige Forschung baut diese Vielfalt zu Gunsten von mehr Klarheit deutlich ab. Wenn man etwa den von Sir Arthur Keith 1931 entworfenen Stammbaum der Primatenentwicklung mit jenem von David Pilbeam aus dem Jahre 1979 vergleicht, so wird klar, dass 1931 die Forschung doch weitgehend im Dunkeln tappte. Es gab damals noch wenig Fossilienfunde, die modernen Datierungsmethoden standen nicht zur Verfügung und die Bereitschaft zu neuen Denkansätzen war kaum vorhanden.

 

 

Das Leakey-Team   top

Erst in den letzten dreißig Jahren ist Bewegung entstanden. In der Hauptsache ist dies zwei Forschungsteams zu verdanken, denn die moderne Paläoanthropologie ist nicht die Sache von Einzelkämpfern, sondern von Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen, die einander zuarbeiten. Da wäre zunächst die Gruppe um Louis Leakey, 1903 in Kenia geboren, der schon in den Dreißigerjahren am Viktoriasee und in der Olduvai-Schlucht in Tansania Jagd auf Fossilien machte. Auch seine zweite Frau Mary teilte seine Passion und entwickelte sich zur Expertin für die Steinwerkzeugkultur jener Gegend. Nach dem Tode Louis Leakeys traten Mary und sein Sohn Richard das Erbe an.

Der berühmteste Fund von Louis Leakey war wohl "Zinj", den aber eigentlich Mary gefunden hatte. Er glaubte, damit endlich den alten Homo gefunden zu haben, denn mit diesem Begriff war er bei jedem Fund schnell zur Hand. Die These der Leakeys war es, dass sich der Homo als eigenständige Linie unabhängig von den übrigen Hominiden entwickelt habe und es daher irgendwann ein sehr altes Homo-Fossil geben müsse. Leider aber war "Zinj" nicht der gesuchte Homo, sondern ein aufrecht gehender Australopithecus, eine Bezeichnung, die den Leakeys zutiefst zuwider war.

Diese Beharren des Leakey-Clans auf einmal gefassten Thesen machte später auch Richard Leakey sehr zu schaffen und führte zu einem regelrechten Forscherstreit, der Richards Ruf ein wenig beschädigte.

 

 

Das Johanson-Team   top

Dieser Streit bringt die zweite heute bedeutende Forschergruppe ins Spiel. Das ist das Team um den amerikanischen Anthropologen Dr. Donald Johanson. Als Louis Leakey "Zinj" fand, besuchte Johanson noch die Oberschule. Von den Berichten über die Funde fasziniert, schlug auch er den Weg des Anthropologen ein.

Seine Stunde schlug, als er 1974, noch als relativ junger und unbekannter Wissenschaftler, an einer Expedition in der Afar-Region in Äthiopien teilnahm. Dort entdeckte er "Lucy", das Skelett eines 3,5 Millionen Jahre alten, aufrecht gehenden hominiden Wesens. Es war eine wissenschaftliche Sensation, als er diesen Fund nach langer Auswertung im Jahre 1978 dokumentierte.

Zu dieser Zeit war Johanson noch mit Mary und Richard Leakey befreundet und suchte ihren Rat und ihre Meinung. Als er bald nach dem Fund von "Lucy" jedoch eine eigene Entwicklungslinie der Hominiden vorstellte, die auf "Lucy", also Australopithecus afarensis, basierte, fühlten sich die Leakeys wohl in ihrer Forscherehre angegriffen, da sie einen Australopithecus nicht als Vorläufer des Homo ansehen wollten. Ein Forscher aus dem Leakey-Team, Tim White, schlug sich nach einer Auseinandersetzung mit Richard Leakey auf die Seite von Johanson.

Es ging dabei um die Datierung eines Fundes von 1972, den Richard bei Koobi Fora am Turkana-See im Norden Kenias machte. Das Alter datierte er auf 2,9 Millionen Jahre. Natürlich bezeichnete er den Fund als Homo, und tatsächlich konnte auch jeder sehen, dass dieser Schädel, genannt "1470", ein Homo war. Eine neue Sensation?

Tim White stellte eigene Untersuchungen an, die die Datierung in Frage stellten. Aufgrund anderer Säugetierfossilien derselben Schicht, in der Richard Leakey den "1470" gefunden hatte, kamen White und auch andere Wissenschaftler zu der Auffassung, dass die Datierung falsch sei und bei 1,8 Millionen Jahren liegen müsse. Als White dieses Ergebnis veröffentlichen wollte, sprach Leakey seinem Team-Mitglied sein Missfallen aus. Das war der Bruch. White veröffentliche dennoch und schloss sich Johanson an. Er wurde ein wichtiges Mitglied des Teams. Johanson und White riefen gemeinsam den Begriff Australopithecus afarensis ins Leben.

Johanson forschte hauptsächlich in Äthiopien am Omo und im Afar-Gebiet. In den Achtzigerjahren war dies aufgrund der politischen Lage nicht mehr möglich. 1985 ging er schließlich zu einer neuen Grabungskampagne in das "Hoheitsgebiet" der Leakeys in die Olduvai-Schlucht. Dies war aber tatsächlich wohl erst möglich, nachdem sich Mary zur Ruhe gesetzt hatte. In der Olduvai-Schlucht machte Johanson erneut erstaunliche Funde, die ihn zwangen, seine ursprüngliche Ordnung der Australopithecinen zu überdenken.

Die Forschungsmethoden Johansons zeichnen sich dadurch aus, dass er möglichst viele Wissenschaftler und ihre Meinungen in seine Erkenntnisgewinnung einbindet. Auch die in seinem Institut aufgestellten Untersuchungsreihen sind sehr aufwändig. So wurden zur Untermauerung der Australopithecinen-These Hunderte von Primatengebissen, -knochen und -schädel und alle erreichbaren Fossilienentsprechungen miteinander verglichen.

Die hier auf diesen Seiten dargestellte Hominidenentwicklung baut auf den Erkenntnissen Johansons und auf jenen der modernen Primatenforschung auf. Johansons Modelle erscheinen schlüssig, zumal er zuallerst bereit ist, eine These umzustoßen, wenn eine bessere in Sicht ist. Denn eines muss immer wieder deutlich gesagt werden: Die Paläoanthropologie geht je mehr von Annahmen aus, je weiter sie in die Vergangenheit zurückblickt. Diese Annahmen stützen sich zwar auf methodisch gesicherte Ergebnisse moderner Forschung, die in einen - für uns - logischen Zusammenhang gestellt werden. Aber wer weiß schon, was zukünftig noch entdeckt wird und wie das Bild dann aussieht?

 

 

Katastrophe   top

Wenn man so will, verdanken wir Menschen unsere Existenz einem Ereignis, das nicht weniger als 65 Millionen Jahre zurückliegt. Zu jener Zeit nämlich verschwanden die großen Saurier von unserem Planeten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ereignete sich vor ca. 66 Millionen Jahren eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes. Ein gigantischer Komet kollidierte mit der Erde im Bereich des Mexikanischen Golfes. Geologen konnten anhand von Weltraumfotografien die Kraterränder nachweisen. Nach einer wissenschaftlichen Annahme wurde dabei der gesamte Erdball beinahe aus den Fugen gerissen. So viel Staub soll aufgewirbelt und in der Erdatmosphäre verteilt worden sein, dass sich die Sonne für lange Zeit verdunkelte. Pflanzen und Tiere starben zu 70% aus, unter ihnen die Dinosaurier, die wegen ihres hohen Energiebedarfs nicht überleben konnten. Nur sehr kleine, mausähnliche Arten überstanden dieses Inferno. Soweit die Annahme.

Wenn es so gewesen ist, dann war aber der Weg frei für einen neuen Anlauf der Evolution. Denn es ist zu vermuten, dass die Saurier keiner anderen Art eine Chance gelassen hätten. Immerhin hatten sie schon 160 Millionen Jahre überstanden, warum also nicht auch noch die "paar Jahre" bis heute?

 

 

Vorfahren der Vorfahren   top

So waren dann auch die Vorfahren der Primaten kleine Insekten fressende Säugetiere wie wir sie etwa als Spitzmaus kennen. Aus ihnen entwickelten sich die verschiedenen Affenarten. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Entwicklung zunächst auf dem Boden begann und sich dann in den Bäumen fortsetzte.

Aus den Altweltaffen Afrikas und Asien trennten sich vor ungefähr 33 Millionen Jahren die Hominoidae ab. Der Aegyptopithecus gilt als Urvater (oder Urmutter?) dieser Linie. Es entwickelten sich in der Folge die heutigen Menschenaffen (Gibbon und Orang-Utan), aber auch solche, die in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Verhalten bereits Ansätze hominider Formen andeuteten. Merkmale dafür zeigen sich in Skelett- und Gebissfossilien. Auf der Bildfläche erschienen Proconsul und Dryopithecus. Sie lebten vor 20 Millionen Jahren.

Mehrere Arten also führten von den Menschenaffen weg. Lange Zeit galt der Ramapithecus als erster Hominide. Der Ramapithecus jedoch lebte, wie man jetzt weiß, lange vor der Aufspaltung von Hominidae und Pongidae. Heute gilt er als Vorfahre des Orang-Utans.

So geht die Linie womöglich vom Dryopithecus weiter in Richtung Hominidae, zu denen man nunmehr auch Gorilla und Schimpanse zählt. Während sich der Gorilla schon früh abspaltete, muss die gemeinsame Linie der Schimpansen und der menschlichen Vorläufer weit länger existiert haben, als man bisher annahm. Erst etwa vor 8-5 Millionen Jahren trennten sich die Wege der beiden Arten. An dieser Stelle steht das große Fragezeichen. Denn es muss ja zwangsläufig ein Ereignis stattgefunden haben, das bestimmte Individuen dazu trieb, die Bäume für immer zu verlassen und sich, mehr oder weniger aufrecht gehend, in die offene Savanne zu wagen. Dazu können stark veränderte afrikanische Umweltbedingungen beigetragen haben, wie es mehrmals im Miozän (24-5 Mio. Jahre) geschah. Das diesen Vorgang erklärende Bindeglied fehlt noch.

Sehr bald aber tauchte Australopithecus afarensis ("Lucy") auf. Diese Art hat eine Schlüsselstellung bei der Entwicklung der verschiedenen Australopithecinen, die offenbar zeitlich durchaus nebeneinander gelebt haben. Australopithecus africanus, robustus, aethiopicus und boisei verschwanden jedoch aus der Geschichte.

Bleibt Homo habilis. Die große Frage bei ihm ist, ob er der Werkzeug herstellende Noch-Australopithecus ist oder schon der "geschickte Mensch", der Homo. Die Antwort ist umstritten. So fordern einige Wissenschaftler eine neue Klassifizierung, weil ihnen die Merkmale des Homo habilis nicht menschlich genug erscheinen. Für sie wird diese Gattung zum Australopithecus habilis.

 

 

Endlich Mensch!   top

Beim Homo erectus, der in der Nachfolge des Homo habilis steht, schien bisher alles klar. Er galt als  der  Urahn des Menschen schlechthin.  Knochenfunde in den 1980ern brachte Theorie ins Spiel, nach der unterschiedlich Typen des Homo erectus existiert haben sollen. Sie wurden als neue Gruppen klassifiziert. Auch diese Theorie wird in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung angezweifelt. Es gibt ohne Zweifel noch eine Menge Klärungsbedarf. Forscher wie Tim White sehen die Problematik eher darin immer neue Gattungen einzuführen und plädieren für die Rückkehr zu einem "einfachen Homo erectus-Konzept".

Grundsätzlich gibt es in der aktuellen Diskussion zwei Modelle:

1. Das biologische Modell

Anhänger dieses Modells glauben, dass der Homo erectus sich nach dem Auszug aus Afrika auf den Kontinenten ausgebreitet und viele Arten gebildet hat. Durch die großen Entfernungen trat eine genetische Entfremdung ein. Der menschliche Stammbaum weist demnach viele Verzweigungen auf. So verblieb Homo ergaster in Afrika, Homo antecessor erreichte als erster Erectus Europa, gefolgt von Homo heidelbergensis vor 600 000 Jahren.

2. Das kulturelle Modell

Wissenschaftler gehen bei diesem Modell davon aus, dass der Mensch sich ständig seiner Umwelt angepasst hat und sich dem entsprechend im Hinblick auf seine  Kulturtechniken weiter entwickelt hat. In einer langen Abfolge gegenseitiger Wechselwirkungen entstand ein Wesen mit wachsendem Hirnvolumen, veränderter Körperform und hohen technischen Fähigkeiten wie Umgang mit Feuer, Werkzeugen und Jagd. Es gab lange Zeit nur den Homo erectus als einzige Menschenart auf der Erde, aufgeteilt in verschiedene regionale Typen.

Gerade das kulturelle Modell wird durch neue Funde aus Deutschland recht wahrscheinlich. Allein die Vorstellung, dass der Homo erectus rund 1,8 Millionen Jahre lang steindumm, lallend und den Faustkeil schwingend ("kulturtragendes Tier") die ganze Erde überzogen hat, ist irgendwie lächerlich. Und dass dann wie aus dem Nichts mit dem Auftreten des Cro Magnon vor etwa 40 000 Jahren in Europa plötzlich die Kultur über die Menschheit kam, ist ebenso undenkbar.

Fest steht, dass man dem Homo erectus, der bereits vor 800 000 Jahren in Kastilien auftauchte, schon Fähigkeiten zugestehen muss, die bisher allenfalls dem Neandertaler zugetraut wurden:

·     - Beherrschung des Feuers

      - Vorstoß ins kalte Europa nördlich der Alpen

·     - Herstellung von Fernwaffen wie Speeren und Lanzen

·     - Verwendung von Materialien wie Holz, Bast, Binsen, Tiersehnen

·     - Herstellung von Bekleidung, Lederbearbeitung

·     - Bau von Behausungen wie Zelten

·     - Herstellung von Kunstwerken

·     - aktive, planvolle Jagd besonders auf Großwild wie Elefanten und Nashörner

·     - Fleischfresser

Gerade die Jagd bietet eine neue Sichtweise auf den Homo erectus. Hatte man ihn bisher hauptsächlich für einen Pflanzen- und Aasfresser gehalten, so erstaunt nun, dass er sich ausgerechnet auf die Großwildjagd spezialisiert hatte. Aber gerade Tiere wie Nashörner und Elefanten hatten keine natürlichen Feinde, sie flüchteten daher auch nicht, wenn so ein kleiner Mensch auftauchte. Großwild bot bei Jagderfolg eine Menge Fleisch auf einen Schlag. Und Fleisch brauchte dieser Menschentypus. Der Homo erectus wurde zum ausgesprochenen  Fleischfresser ("Raubtier Mensch"). Dies erklärt auch sein Vordringen in den Norden. Vor 400 000 Jahren beherrschte er die Natur so gut, dass er auf seinen Beutezügen in die kalten Tundren und Steppen vordringen konnte, wo er das begehrte Großwild fand.

Der Verzehr von Fleisch aber hatte auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Homo erectus. Denn nur durch die ständige Zufuhr von tierischem Eiweiß - so meinen Forscher - konnte sich sein wichtigstes menschliches Organ, das Gehirn, in dieser Größe entwickeln.

Wie auch immer, das Model Homo erectus bot die Vorlage für zwei Nachfolger:  Homo neanderthalensis (der der Gattung Homo sapiens zuzuordnen ist) und Homo sapiens sapiens. Beide mögen auch eine Zeit lang gleichzeitig gelebt haben. Ob der Neandertaler nun ausgestorben ist oder doch vielleicht irgendwie im sapiens verschwand, wer weiß (siehe Kapitel "Neandertaler")?

Übrig bleibt zuletzt nur der Homo sapiens sapiens. Er ist heute der einzig lebende Homo. Alle Menschen dieser Erde, ob hell oder dunkel, ob klein oder groß, ob zivilisiert oder Naturvolk, gehören dieser Art an. Das ist leider nicht allen Menschen klar, und oft genug benehmen sie sich auch nicht wie ein Homo sapiens sapiens.

Festzuhalten ist, dass der Ursprung der Hominidae irgendwo in Ostafrika zu suchen ist. Alle Australopithecinen stammen aus Afrika. Vermutungen, dass auch Homo sapiens, also der moderne Mensch, aus Afrika kommt, sind durch neue Funde erhärtet worden. Ein internationales Forscherteam um Tim White hat in Äthiopien, etwa 225 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Addis Abeba, drei gut erhaltene Schädel mit allen typischen Merkmalen der Gattung gefunden, deren Alter auf 160.000 Jahre geschätzt wurde. Die Forscher gaben den Wesen die Bezeichnung Homo sapiens idaltu (idaltu = der Ältere, aus der Sprache der Afar).

Die Gattung Homo einschließlich der Art Homo sapiens muss sich also angeschickt haben, die Welt von Afrika aus zu entdecken. Mittels einer Weltkarte, in die alle Homo-Funde datiert eingetragen werden, kann man in der Tat feststellen, dass sich die Ausbreitung quasi ringförmig vollzog. Je jünger die Datierung der Fossile, desto weiter entfernt sich Homo von Afrika.

Allerdings ist eine Erkenntnis erstaunlich: Auf Grund weiträumiger genetischer Untersuchungen und Vergleiche ist die genetische Vielfalt der Menschen zur Verblüffung der Wissenschaft viermal geringer als die der Schimpansen. Das deutet darauf hin, dass die Zahl der Menschen durch irgendein einschneidendes Ereignis in ihrer Geschichte einmal erheblich abgenommen hat. Vor etwa 70.000-100.000 Jahren - so folgern die Genetiker aus ihren Untersuchungen - muss die Menschheit derart dezimiert worden sein, dass nur etwa 1.000-2.000 Exemplare der Gattung Mensch überlebten. War es eine Naturkatastrophe? War es eine Seuche? Man kann es an den Genen nicht erkennen. Aber alle heutigen Menschen dieser Erde tragen den Genpool dieser vergleichsweise kleinen überlebenden Gruppe in sich. Es hätte gut sein können - wäre Zahl der menschlichen Opfer nur wenig höher gewesen -, dass das Experiment Menschheit damit schon zu Ende gewesen wäre.

 

 

Primatenentwicklung   top

 

Mill.

Jahre

Primaten (Herrentiere)    

30

 

 

Aegypto-

pithecus

 

Affen

Menschenähnliche (Hominoidae)

(blau = noch lebende Arten)

Halbaffen

   

Neuwelt-

affen

   

Altwelt-

affen

 

 

 

Menschenaffen

 

20

 

 

 

          

 

Proconsul

 

Hyloba-

tidae

 

 

Dryopithecus

 

Gibbons

 

 

 

 

Rama-

pithecus

 

 

 

 

Pongidae

 

 

10

Menschenartige (Hominidae)

    

Orang-Utan

 

 

 

?     Missing Link    ?

 

 

 

7

 

 

 

6

 

 

Sahelanthropus

tchadensis

 

   

"Millenium Mensch"

Ardipith.

ramidus

 

 Gorillas

   

Schimpansen

 

 

 

5

 

 

4

 

 

 

Austral.

afarensis

 

 

 

 

3,2

 

"Lucy"

 

 

 

 

2,5

? Homo ? rudolfensis

A.

aethiopicus

A. africanus

 

 

 

 

2

? Homo ?

habilis

A. robustus

 

A. boisei

 

 

 

 

1,5

 ? Homo

ergaster/antecessor?

Homo erectus

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

0,5

Homo sapiens

   

Homo sapiens

neanderthalensis

   

 

 

 

 

0

Cro Magnon - Homo sapiens sapiens

 

 

 

 

 

 

Zeitleiste der Hominidenevolution   top

 

Mill.

Jahre

auf Bäumen lebender affenähnlicher Vorfahr

 

 

7

auf dem Boden lebender affenähnlicher Vorfahr ("Missing Link")

6

Sahelanthropus tchadensis (ältester Vormensch)

Orrorin tugenensis ("Millennium Man")

Ardipithecus ramidus kadabba

5

Ardipithecus ramidus ramidus

4

 

3,2

Australopithecus anamensis

 

Australopithecus afarensis ("Lucy")

3

 

A. africanus

   

A. aethiopicus

 

   

  

2,5

Homo rudolfensis

  

A. robustus

  

A. boisei

2

Homo habilis

 

 

 

Homo erectus / Homo ergaster

 

1

0,5

früher Homo sapiens, Homo sapiens idaltu

Homo sapiens neanderthalensis

Cro Magnon (Homo sapiens sapiens)

0

Gegenwart - Jetztmensch

 

Die Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung waren vielfältig. Es waren im Grunde alle Richtungen offen. Deutlich wird das gerade dadurch, dass zeitweilig verschiedene Arten von Hominiden und Homo nebeneinander gelebt haben. Über den Verbleib des Neandertalers besteht nach wie vor wissenschaftliche Uneinigkeit.

 

 

Aussehen der Hominiden   top

Es gibt eine Reihe von Darstellungsversuchen über das Aussehen der Hominiden. Tatsächlich sind anhand der oftmals spärlichen Fossilienfunde Aussagen über das äußere Erscheinungsbild unserer Vorfahren recht vage. Die Angaben über Größenverhältnisse hingegen sind gesichert, weil man die Skelettmerkmale analysieren kann. Die Zunahme an Körpergröße während der menschlichen Entwicklungsgeschichte setzt sich auch heute noch fort. Die Menschen werden immer größer.

 

Meter

A.

afarensis

A.

africanus

A.

robustus

Homo

habilis

Homo

erectus

Homo

sapiens

2

 

1,5

 

1

 

0,5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Afrika   top

Alle spektakulären Funde, die Licht in die Evolution der Hominiden gebracht haben, stammen aus der unmittelbaren Nähe des ostafrikanischen Grabensystems. Wie bereits im Kapitel "Geschichtsbuch Erde" angedeutet wurde, ist der Zustand der Schichtenlage wichtig für das Auffinden von Fossilien. Gerade im Rift-Valley hat sich in den letzten Jahrmillionen die Stratigraphie ungeheuer verändert. Sie tut es noch, und irgendwann einmal wird Ostafrika auseinander brechen. Auch das Erscheinungsbild Afrikas war einem ständigen Wandel unterzogen. So nahm der Regenwaldbestand während der Eiszeit dramatisch ab. Allein dadurch waren die baumbewohnenden Vorfahren wohl gezwungen, sich auf ein Überleben in der Steppe einzustellen. Man kann eine Linie ziehen vom Afar-Dreieck in Aethiopien über den Turkana-See hin zur Olduvai-Schlucht und Laetoli und schließlich bis nach Südafrika. Auf dieser Linie stand mit großer Wahrscheinlichkeit die Wiege der Menschheit.

 

 

In der Olduvai-Schlucht   top

Vor zwei Millionen Jahren war die Olduvai-Gegend ein großer See. Viele Lebewesen waren an seinen Ufern zu finden. In der Folge von Ablagerungen und Vulkanausbrüchen gelangten zunächst Knochen - auch von Hominiden - in den Untergrund. Große Erdverschiebungen innerhalb der letzten 500.000 Jahre und das grabende Wasser eines Stromes veränderten die Schichtung. Heute gibt die hundert Meter tiefe Schlucht die fossilen Überreste wieder frei.

 

 

Afrikanische Habitate   top

Die Veränderungsprozesse der afrikanischen Umwelt haben die Evolution der menschlichen Linie nachhaltig beeinflusst. Ende des Miozäns wichen die tropischen Regenwälder, die den Kontinent einst beherrschten, allmählich den Savannen und offenen Waldungen. Im Laufe der nächsten zehn Millionen Jahre zeigte das Anwachsen der Polgletscher Wirkung. Kühlere Temperaturen und geringere Niederschläge während der Eiszeiten ließen die Regenwälder zu kleinen Inseln schrumpfen, so dass die in ihnen lebenden Arten von einander isoliert waren. In den wärmeren und feuchteren Perioden zwischen den Gletschervorstößen dehnten sich die Regenwälder wieder aus und brachten die in der Isolierung weiter entwickelten Arten wieder zusammen.

 

 

Entdeckungen 1924 - 1985   top

1924 - Kind von Taung, Australopithecus africanus

1959 - Zinj, Australopithecus boisei

1972 - 1470, Homo habilis

1974 - Lucy, Australopithecus afarensis

1975 - Die erste Familie, Australopithecus afarensis

1978 - Fußabdrücke von Laetoli

1984 - Junge, Homo erectus

1985 - Schwarzer Schädel, Australopithecus aethiopicus

 

 

Mensch = Werkzeugmacher?   top

Die Frage, was nun den Menschen ausmacht, was ihm eigentümlich ist, woran er zu erkennen ist, bewegt die Forscher sehr. Die Ansichten gehen dabei sehr auseinander. Ein Menschenaffe ist und bleibt ein Affe, ein Affenmensch hingegen ist ein Mensch, wie immer er auch aussehen mag. Aber wo ist der Schmelzpunkt, die Verbindung dieser beiden Wesen, anzusetzen?

Lange Zeit war man beispielsweise der Ansicht, nur der Mensch sei in der Lage, Werkzeuge herzustellen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Werkzeuge benutzen bereits Vögel, etwa einen spitzen Dorn, um eine Made aus einer Baumvertiefung herauszupicken. Affen angeln mit Stangen nach hoch hängenden Früchten oder suchen sich passende Steine, um Nüsse zu knacken.

Dennoch gibt es Merkmale, die man als dem Menschen eigentümlich bezeichnen kann. Im wahren Sinn des Wortes herausragend ist der aufrechte Gang. Ein Wesen, das auf beiden Beinen aufrecht geht, ist menschlich zu nennen. Denn es muss zwangsläufig anatomische Eigenschaften aufweisen, die uns Jetztmenschen auch noch auszeichnen. Das Skelett eines solchen Wesens muss den aufrechten Gang unterstützen.

Das beginnt bei der Austrittsöffnung des Nervenstranges aus dem Hinterkopf. Bei einem Lebewesen, das sich auf allen Vieren bewegt, wird dieses Loch weit hinten am Kopf zu finden sein. Beim aufrechten Gang aber verlagert sich die Öffnung nach unten. Ein weiteres entscheidendes Merkmal für das Aufrechtgehen ist die Aufhängung der Oberschenkelknochen am Becken. Sie muss so beschaffen sein, dass der Schwerpunkt des Wesens eine stabile Lage erreicht. Der Blick auf das nachgebildete Skelett von "Lucy" zeigt, dass alle diese Merkmale zu finden sind. Das Becken selbst ist dem unsrigen absolut ähnlich. "Lucy" hatte also die Schwelle zum Menschen bereits überschritten.

Dies ist auch an einem weiteren wichtigen Vergleichsmerkmal zu belegen. Kiefer- und Zahnvergleiche zeigen anschaulich, wie sehr sich Affen- von Menschengebissen unterscheiden und wie nahe die Australopithecinen uns in dieser Hinsicht kommen. Selbst die hominiden Schimpansen weisen noch deutlich die großen Affen-Eckzähne auf, die bei den Australopithecinen vollkommen verschwinden, während bei ihnen große Backenzähne (Molare) in Erscheinung treten.

Ein anderes menschliches Merkmal ist das Gehirnvolumen. Mit zunehmender Erkenntnis über das Alter der Menschheit machte sich auch immer mehr die Erkenntnis breit, dass das Hirnvolumen bei den ersten Menschenähnlichen womöglich geringer war als man bisher anzunehmen wagte. Die Schwelle, bei der Forscher heute bereit sind zu sagen, das ist menschlich, liegt bei etwa 700-800 qcm.

Alles in allem drängt sich die Erkenntnis auf, dass die menschlichen Vorfahren weit primitiver waren als angenommen. So ist letztlich die oben gestellt Frage eher eine philosophische. Wann erkannte der Mensch sein eigenes Ich, wann stellte er sich selbst in Raum und Zeit? Die Antwort darauf wird sich kaum aus Fossilien ableiten lassen. Warum aber ging "Lucy" aufrecht? Denn diese Art zu gehen ist ja recht unkomfortabel, da das Gleichgewicht ständig ausgelotet werden muss. Es bedarf also schon eines komplexen Kausalitätszusammenhangs, damit ein Wesen seine Lebensweise derart einschneidend verändert. Entsprechende Theorien dazu sollten Interessierte bei Donald Johanson nachlesen, da sie doch recht kompliziert sind.

 

 

Schädelvergleich   top

Der Schädelvergleich zeigt - angefangen beim Schimpansen - das stete Anwachsen des Schädelvolumens, wobei die Stirnpartie im Laufe der menschlichen Evolution immer steiler wird. Besonders auffällig sind die Merkmales des Neandertaler-Schädels: Er hatte große Augenwülste und ein stark fliehendes Kinn. Allerdings hatte der Neandertaler ein geringfügig größeres Hirnvolumen als der moderne Mensch. Dies zeigt, dass Hirnvolumen nicht unbedingt ein entscheidender Faktor beim Überlebenskampf sein muss.

 

      Neandertaler

 moderner Mensch

 

 

Skelettvergleich   top

Ein Skelettvergleich zwischen dem modernen Menschen und seinen Vorfahren zeigt die unmittelbare Verwandtschaft. Bei aus Fundstücken zusammen gesetzten Skeletten ergab sich die erstaunliche Tatsache, dass man vom Australopithecus afarensis mehr Fossilien hat als vom africanus oder robustus und man daher das ältere Wesen, dessen Überreste erst später gefunden wurden, viel besser kennt.

 

      Knochenfragmente von "Lucy"