top

 

 
 

Urige Zeiten

»Lebensbilder«


Menschenähnliche

Vor 20 Millionen Jahren


Menschenartige

Vor 2 Millionen Jahren


Der erste Mensch

Vor 1 Million Jahren

 

Der altsteinzeitliche Wohnplatz


Der Neandertaler

Vor 50 000 Jahren

Der Lagerplatz

Jagd auf den Riesenhirsch

Das Zerlegen eines Rentieres

Gefährliches Wollhaarnashorn

Kampf gegen das  Mammut

Faustkeile und Knochen

Neandertaler

Das Alter eines Fundes


Der moderne Mensch

Vor 35 000 Jahren

 

Im Lager

 

Beim Fischfang

 

Das Begräbnis

 

Der Künstler


Ausblick

Neandertaler der Zukunft?


Überblick

Zeitleiste Altsteinzeit bis heute


Aktualisierung

Nachtrag


 
 
 

Vor 20 Millionen Jahren   top

Zwanzig Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung. Weltweit hat sich das Klima abgekühlt. In der Antarktis ist die Vereisung bereits weit fortgeschritten. Immer noch driften die kontinentalen Schollen weiter auseinander. So öffnet sich in dieser Zeit der Golf von Aden zwischen dem afrikanischen Kontinent und der arabischen Halbinsel. In Afrika selbst macht sich der Rückgang des Regenwaldes bemerkbar. Die Savanne breitet sich mehr und mehr aus.

In der Übergangszone zwischen Savanne und Wald - vielleicht ist es im heutigen Kenia oder Tansania - ist die Landschaft unübersichtlich. Hohes Gras, unterbrochen von lichten Baumgruppen, bedeutet Schutz und Gefahr zugleich. In der Nähe beginnen schon die Hügel, dahinter die großen Berge. Eine Gruppe von Affen ist im Schatten einiger Bäume versammelt. Die etwa 60 cm großen Wesen gehören zur Gattung der frühen Menschenaffen. Später werden Wissenschaftler sie mit dem Namen Proconsul bezeichnen. Familie Proconsul also.

Alle schauen ein wenig angespannt in eine Richtung. Was gibt es da zu sehen? Schleicht sich ein Feind an? Oder reißt gerade eine große Raubkatze ein Tier, und es bleiben ein paar Reste übrig? Zwei Familienmitgliedern scheint die Sache nicht geheuer. Sie haben sich auf den sicheren Aussichtspunkt im Baum zurückgezogen. Schließlich sind alle aus der Familie gute Kletterer. Man hat ja diese Fähigkeiten im Wald lang und ausdauernd entwickelt.

Aber was macht der Dritte? Er hat sich auf einen Stein im Grase begeben und steht aufrecht auf beiden Beinen da, ohne sich mit den Händen abzustützen. Dieses Kunststück hat er sich selbst beigebracht, sehr zum Erstaunen der anderen, wie der vierte Proconsul unten im Gras deutlich an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen gibt. Unser Balancekünstler schafft es sogar, sich eine kurze Strecke zweibeinig und aufrecht fortzubewegen. Allerdings - wenn er auf der Flucht ist, geht's auf allen Vieren sicherer. Wer die Familie Proconsul kennt, weiß, dass über kurz oder lang alle anderen diesen zweibeinigen Trick auch beherrschen werden.

Die Pros können solche Bewegungen gut ausführen, weil ihre Fußsohlen sich ein wenig von denen anderer Affenarten unterscheiden. Sie sind irgendwie flacher, irgendwie - menschlicher? Auch sonst ist bei ihnen einiges anders. Sie haben kaum Augenwülste am Schädel, ihre Kiefer sind spitz, ihre Backenzähne sind größer als die "normaler" Affen. Sie haben sich offenbar entschieden, etwas Besonderes zu sein. Es wird überliefert, dass ein ferner, ferner Urahn namens Aegyptopithecus auch schon aus der Reihe tanzte. Eben! Sollen doch die anderen in ihren Bäumen hocken bleiben!

Irgendwann einmal soll man sagen, die Proconsuls damals, die hatten die Zeichen der Zeit schon erkannt. Irgenwie raus aus den eingefahrenen Bahnen, wenn es immer weniger Bäume gibt, was soll dann noch die Kletterei? Im hohen Gras muss man sich schon mal aufrichten, wenn man etwas sehen will. Und wenn man sich dann möglicherweise noch anders ernähren muss, dann taugen auch die alten Zähne nicht mehr. Mutige Ideen hat sie schon, die Familie Proconsul. In späteren Zeiten wird man aber leider feststellen, dass die Umsetzung doch nicht so konsequent war. Vielmehr bleiben die Pros auf der Entwicklung stehen, die wir hier beschrieben finden. Einige Schritte weiter wird sich eine andere Art wagen, nämlich die Familie Dryopithecus. Andererseits - beide Familien sind nahe Verwandte, und sicher sind sie sich noch begegnet.

 

Vor 2 Millionen Jahren   top

Zwei Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung. Die Kaltzeit hat sich auf der Erde ausgebreitet und zu großer Gletscherbildung an den Polen und in den Hochgebirgen geführt. Auch in äquatorialen Breiten sinkt die Temperatur um ca. 4 Grad gegenüber heutigen Werten. Der Regenwald in Afrika ist bis auf klägliche Reste fast vollständig verschwunden.

Die Erde im heutigen Tansania ist in Bewegung. Sie schickt sich zu den großen Veränderungen an, deren Ergebnis man später als Olduvai-Schlucht bezeichnen wird. Aktive Vulkane speien ständig Lava und Gase aus, sehr zum Schrecken der hier lebenden Wesen.

Man könnte sie auf den ersten Blick für Schimpansen halten, wie sie da auf dem Bodenm hocken. Aber Halt! Einige von ihnen bewegen sich ganz anders, als man es von Schimpansen gewohnt ist. Sie gehen - ja, sie gehen aufrecht auf zwei Beinen wie wir Menschen. Aber es sind keine Menschen, man sieht es genau. Etwa 1,60m groß, behaarter Körper, robuster Körperbau, großes Gesicht, verhältnismäßig flacher Gehirnschädel, so zeigen sich uns diese Wesen. Der Paläoanthropologe erkennt sie sofort: Es sind Australopithecinen der robusten Art (Australopithecus robustus).

Wie es scheint, befinden sie sich an einer Art Lagerplatz und verrichten dort Tätigkeiten, die uns ebenfalls ziemlich menschlich vorkommen. Sie tragen Knochen zusammen, die sie wohl in der Savanne gefunden haben. Einer von ihnen schlägt mit einem Stein auf einen Knochen ein. Er möchte an das schmackhafte Knochenmark gelangen und benutzt den Stein als Werkzeug. Diese Schlagtechnik hat sich - das weiß er - sehr bewährt. Ein Gruppenmitglied schaut ihm aufmerksam zu und gibt beifällige Laute ab.

Sie essen gerne Fleisch, aber das Jagen größerer Beute ist ihnen doch zu gefährlich. Einfacher ist es, sich mit dem Aas anderer Tiere zu begnügen. Natürlich essen sie auch, was die Savanne sonst noch so bietet an Kleintieren, Früchten und Pflanzen. Ihre Zähne verarbeiten alles. Nicht selten wird ein Gruppenmitglied selbst zur Beute von Raubtieren. Meist haben sie jedoch Glück, erblicken den Räuber - dank ihrer aufrechten Haltung - schon frühzeitig und können ihn gemeinsam mit viel Lärm und Steinwürfen verjagen.

Die Savanne bietet den Robusten kaum Schutz. Es gibt nur vereinzelt Bäume, im Klettern sind sie auch wenig geübt. Schon ihre Vorfahren, die noch im Wald lebten, gingen aufrecht, das hat mit dem Verschwinden der Bäume nichts zu tun. Es ist schwer, hier zu überleben, aber unserer Freunde haben es gelernt. Sie können schnell zweibeinig laufen, sie sind wehrhaft, vor allem aber haben sie auf Grund ihrer zunehmenden Intelligenz ein soziales Verhalten entwickelt, das es in dieser Form bisher nicht gegeben hat. Sie fühlen sich für einander verantwortlich. Vielleicht gibt es bei ihnen deshalb keinen Streit um die Weibchen, denn es haben sich überwiegend Zweierbeziehungen entwickelt. Wenn man die Paare sieht, könnte man meinen, es sei Liebe im Spiel.

Paarungsbereit sind die Frauen immer, sie können jederzeit schwanger werden. So gebären sie die Jungen in rascher Folge, was dazu führt, dass sie oft mehrere gleichzeitig versorgen müssen. Man muss sehr auf die Kin-der aufpassen. Sie können sich nicht mehr an der Mutter festklammern. Die Mütter sind vollauf damit beschäftigt, die Kleinen zu hüten und zu schützen und bleiben daher in der Regel in der Nähe eines festen Lagerplatzes, während die Männer für Nahrung sorgen. Aufrechter Gang und geändertes Sexualverhalten haben diese Arbeitsteilung erzwungen.

 

 

Vor 1 Million Jahren   top

Eine Million Jahre vor unserer Zeitrechnung. Kalt- und Warmzeiten wechseln einander ständig ab und verändern die klimatischen Verhältnisse auf der Erde. In Mitteleuropa kommt die Faltung der großen Gebirge zum Ende. Der Meeresspiegel sinkt weltweit um etwa 200 m. In Europa erscheinen erstmals echte Elefanten, die Mammute.

In Ost- und Südafrika tummeln sich die verschiedenen Hominiden. Australopithecinen haben wir schon kennen gelernt. Sie haben inzwischen Gesellschaft bekommen vom Homo habilis, dem geschickten Menschen, der vermutlich die ersten einfachen Werkzeuge gefertigt hat.

Aber auch anderswo auf der Erde sind nun menschliche Wesen anzutreffen. Die Gattung Homo erectus, der zweifelsfrei erste wirkliche Urmensch, breitet sich aus. Wer damals hätte suchen können, wäre erstaunt gewesen, wo überall Homo erectus zu finden war. Natürlich in Afrika, aber auch in Europa (Heidelberg-Mensch), auf Java (Java-Mensch) und in China (Peking-Mensch).

Bleiben wir doch gleich in China. In der bergig-kargen, lössbedeckten Landschaft von Chou-Kou-Tien bei Peking können wir eine Sippe der aufrechten Menschen beobachten. Aber - was ist es denn, was uns irgendwie merkwürdig vorkommt? Ja, natürlich! Das Feuer! Feuer ist uns bisher bei unserer Reise durch das Leben unserer Vorfahren nicht begegnet. In der Tat ist Homo erectus, den man später als Javamensch, Peking-Mensch, Heidelberg-Mensch oder Rhodesia-Mensch bezeichnen wird, der erste Vertreter in der Menschengeschichte, der das Feuer nachweislich verwendet.

Unsere Gruppe hat aber Probleme mit dem Feuer. Das eigentliche Feuer ist in der Höhle. Später werden Forscher dort einmal eine Ascheschicht von 6 m Höhe feststellen. Die Urmenschen müssen das Feuer immer am Brennen halten. Wie man es entfacht, wissen sie nicht. Ständig wird neues Brennmaterial nachgelegt. Wehe, wenn ein Familienmitglied einmal nicht aufpasst und das Feuer ausgehen lässt! Denn ohne Feuer können sie die nächtliche Kälte kaum aushalten. Von einem Haarkleid kann man bei ihnen nicht mehr sprechen und Kleidung kennen sie wohl noch nicht. Ebenso vertreibt das Feuer wirksam wilde Tiere; man kann sagen, Feuer ist ihnen fast heilig. Neues Feuer bringt nur der Blitzschlag, der in einen Baum einschlägt. Aber wie oft passiert das schon?

Aber seltsam, zum Gahren von Nahrung wird die offene Flamme kaum genutzt, alles wird roh gegessen. Man hat später sogar unterstellt, die Aufrechten seien Kannibalen gewesen, weil man abgenagte Knochen fand. Bei genauer Betrachtung sind sie aber nicht so primitiv, obwohl sie recht wild aussehen. An den Knochen waren eindeutig Raubtierspuren. Auch darf ihr Aussehen nicht darüber hinweg täuschen, dass ihr Gehirn relativ groß ist, bis zu 1200 Kubikzentimeter.

Der Homo erectus ist ein familiäres Wesen. In großen Familienverbänden teilt er die Arbeit mit anderen und spezialisiert sich bereits. Eine Art sprachlicher Verständigung wird dazu nötig gewesen sein. Deutlich besser als Homo habilis kann er Steinwerkzeuge herstellen. Er fertigt Faustkeile aus Feuerstein, einem spröden, schwer zu bearbeitenden Stoff, und bearbeitet manchmal auch Holz.

Allerdings kennt er Pfeil, Bogen, Lanze oder Fallgrube noch nicht. So bleibt die Jagd ein mühsames Geschäft. Tiere werden in Gruppen bis zur Erschöpfung gehetzt und dann mit großen Felsbrocken erschlagen. Jedes Mal ist ein solcher Jagderfolg ein Fest, denn Fleisch ergänzt ihren Energiebedarf. Selten aber haben sie Grund zu feiern, in der Regel ernähren sich die aufrechten Menschen von Pflanzen.

 

Der altsteinzeitliche Wohnplatz   top

Die Urmenschen werden immer wieder als "Höhlenmenschen" bezeichnet. Das ist eine recht falsche Einschätzung. Zwar haben wir soeben bei unseren Peking-Menschen gesehen, dass sie in einer Höhle lebten. Eine solche Wohnstätte war aber eher die Ausnahme, weil Höhlen auch gefährlich waren. Oft suchten Raubtiere dort Unterschlupf, man denke an die Höhlenbären. Außerdem waren große Höhlen sowieso unheimlich und dunkel. Die Urmenschen schlugen vorwiegend am Eingang von Höhlen oder im Schutz von Felswänden und Überhängen ihr Lager auf. Dabei bedienten sie sich der bereits erwähnten Materialien. Heraus kamen wohnliche Gebilde wie etwa Zelte mit einem "Gestänge" aus Mammutstoßzähnen. Höhlen nutzten die Urmenschen wohl mehr zu kultischen Zwecken.

 

 

Vor 50 000 Jahren   top

Fünfzigtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung. In Europa ist die Phase der Eiszeit, die man später Würm-Vereisung nennen wird. Die Tiere haben sich in der Kälte eingerichtet, wie sie es auch heute in polaren Gegenden tun. Mammut und Wollhaarnashorn sind typische Vertreter jener Zeit mit ihrer großen Körperoberfläche und ihrem dichten Haarkleid.

Aber auch der Mensch ist hier zuhause. Aus dem aufrechten Menschen hat sich in einem langen Entwicklungsabschnitt der denkende Mensch entwickelt, der Homo sapiens neanderthalensis, der Neandertaler. Er ist nicht besonders groß, vielleicht 1,50 m, aber sein Körper wirkt kompakt, stämmig und kräftig. Er geht aufrecht wie wir. Manchmal setzt er auch - wie so mancher von uns - ordentlich Fett an - was aber in diesem rauen Klima sehr sinnvoll ist. Dass er ein schlauer Vetreter der menschlichen Gattung ist, beweist sein Gehirmvolumen, das mitunter größer als unseres ist.

Der Neandertaler ist also keineswegs der "dumme Höhlenmensch", für den man ihn später zunächst halten wird. Überhaupt Höhlenmensch: Eine sehr ungenaue und wenig zutreffende Bezeichnung. Neandertaler sind umherziehende Jäger. Das schließt eigentlich schon aus, dass Höhlen zu einer richtigen "Wohnung" werden. Klar, bei bitterer Kälte oder auf der Flucht vor einem schrecklichen Raubtier ist dort ein sicherer Ort. Aber auf Dauer in einer so ungemütlichen Felsstube? Nein, danke! Nur höchst selten werden Forscher daher einmal Reste von Malzeiten oder von dauerhaften Feuerstellen in Höhlen finden. Es ist sowieso sinnvoller - weger der Tiere - Feuer am Höhleneingang zu entfachen.

Als Versammlungsort eignen sich Höhlen aber sehr gut, etwa wenn man die nächste Jagd planen möchte. In anderen Höhlen stampfen sie den Boden regelrecht platt, weil hier der Tanzplatz ist, sozusagen die "Steinzeit-Disco". Und in weiteren Höhlen ist der Boden mit Feuersteinresten bedeckt, weil man hier nämlich in Ruhe das Werkzeugmachen geübt hat. Aber hier Wohnen? Da eignet sich doch eine gemütlich Hütte mit warmen Fellen sehr viel besser.

 

Der Lagerplatz   top

Im Schutze eines steilen, bewaldeten Hanges hat sich eine Neandertaler-Sippe niedergelassen. Dieser Platz bot sich geradezu an, den ganz in der Nähe fließt ein fischreicher Bach, Wild gibt es im Überfluß, und auch trockenes Feuerholz ist leicht zu finden. Außerdem befindet sich nicht fern von hier ein Felsüberhang, wo hervorragende Feuersteine zu finden sind.

Szene aus dem Prehisto-Parc Les Eyzies, Frankreich

Die Gruppe besteht aus 12 erwachsenen Personen und 5 Kindern. Zwar sind sie umherziehende Jäger und Sammler, aber wenn die Verhältnisse so günstig sind wie hier, dann richtigen sie sich auch gerne einen gemütlichen Wohnplatz ein, um ein wenig länger zu verweilen. Sie haben sich eine Hütte gebaut, die recht komfortabel ist. Beim Bau haben sie einfach gewachsene Bäume gekürzt und durch Querstangen miteinander verbunden. Das Dach wurde mit Grassoden und Laub bedeckt und bietet ausreichenden Schutz gegen die Witterung. Die zum Trocknen aufgehängten Felle dienen gleichzeitig als Windfang. Die Erwachsenen im Lager sind beschäftigt.

Die Großmutter ist heute für das Feuer und die Malzeit zuständig. Offensichtlich gibt es Fisch. Der Großvater betrachtet eingehend zwei Steine, die er weiter bearbeiten will. Hinter ihm ist eine jüngere Frau damit beschäftigt, ein Stück Leder zu zerschneiden. Ja, und die Kinder verhalten sich genauso wie moderne Kinder auch: sie springen herum und machen Faxen.

Aber wo sind die anderen Mitglieder der Sippe? Nun, einige Frauen sind unterwegs, um Beeren und Holz zu sammeln. Die jungen, kräftigen Männer aber erledigen das schwere und oft gefährliche Geschäft der Jagd.

 

Szene aus dem Prehisto-Parc Les Eyzies, Frankreich

 

 

Jagd auf den Riesenhirsch   top

Die Männer sind schon lange unterwegs. Bisher ist ihre Jagd recht erfolglos gewesen. Gerade wollen sie schon den Heimweg antreten, da bricht dicht vor ihnen ein Megaloceros hervor. Der Megaloceros ist der eiszeitliche Riesenhirsch, ein massiges Tier. Dieser hier ist allerdings vergleichsweise klein, die Jäger sahen schon größere Exemplare. Der größte Hirsch war 2 m hoch, 2,80 m lang und hatte eine Geweihspannweite von 4 m. Das übertrifft bei weitem die Größe des heutigen kanadischen Elches.

Die Jäger freuen sich über die unverhoffte Gelegenheit, denn ein solcher Fang sichert einen großen Fleischvorrat. Auch das Fell und das Hornmaterial des Geweihs lassen sich gut verwerten. Aber normalerweise gehen die Männer den Großhirsch nicht so direkt an. Er ist zwar ein Grasfresser, aber bei Gefahr kann sein Geweih zur tödlichen Waffe werden. Besser ist es, ihn in eine Falle zu locken oder seine Beine mit Steingeschossen zu brechen.

In diesem Augenblick allerdings bleibt den Neandertalern keine Wahl, sie sind ja nur zufällig dem Tier begegnet. Glücklicherweise haben sie ihre Speere dabei. Die Speerspitzen bestehen bei diesen Holzstangen nicht aus Feuerstein, sondern wurden im Feuer gehärtet. Schnell wird der Megaloceros umzingelt und von allen Seiten mit heftigen Speerwürfen attakiert. Trotz aller Stärke hat das Tier keine Chance, denn die Jäger haben eine ungeheure Wurfkraft. So endet dieser Jagdtag mit einem großen Erfolg.

 

Das Zerlegen eines Rentieres   top

Gleich nach der erfolgreichen Jagd - oft sogar an Ort und Stelle - wird der Fang zerlegt und fortgeschafft. Das ist auch dringend nötig, denn nicht selten finden sich gefährliche Raubtiere ein, um den Jägern die Beute streitig zu machen. Beim Zerteilen sind natürlich auch die Frauen dabei.

Das Fleisch des erlegten Tieres muss im Sommer möglichst schnell verarbeitet oder verzehrt werden. Die Neandertaler wissen, dass sie altes - also verdorbenes Fleisch - nicht mehr essen können. Schon mancher musste danach entsetzliche Qualen leiden. Über dem Feuer gebraten hält es sich einige Zeit. In der Regel essen sie es aber zügig auf, den sie brauchen bei ihrem anstrengenden Leben eine Menge Kalorien.

Das Ren bildet für die Neandertaler den Hauptanteil ihrer Fleischkost. Man trifft es immer in großen Herden an, und das zu allen Jahreszeiten. Egal, ob klirrende Kälte oder Sommerhitze, Rentiere sind stets verfügbar. Manchmal ist die Gruppe einfach der Rentierherde auf ihrer Wanderung gefolgt. Das ist nicht ganz einfach, weil diese Tiere doch große Entfernungen zurücklegen. Auf Dauer also ist das nichts, und man muss sich doch anderen Jagdobjekten zuwenden.

Am Abend versammeln sie sich zum gemeinsamen Mahl um das Feuer. Ihre Art zu essen erinnert an die Eskimos. Die saftigen gebratenen Fleischstücke nehmen sie zwischen die Zähne und schneiden dann eine passende Portion mit einer scharfen Feuersteinklinge vor den Lippen ab. Dabei muss man gut aufpassen, denn schnell verletzt man sich oder ritzt die Zähne an. Das Mahl am Feuer ist der schönste Teil des Tages.

 

Gefährliches Wollhaarnashorn   top

Unsere Jäger haben sich heute einen unangenehmen Gegner ausgesucht. Sie wissen auch noch nicht so recht, ob sie sich eigentlich trauen sollen, dieses Nashorn zu jagen. Das Wollhaarnashorn begegnet ihnen nicht so oft, weil es im Grunde sehr scheu ist. Aber sie gehen ihm trotzdem lieber aus dem Weg. Denn wenn es einmal in Fahrt kommt, dann wirkt es auf die Neandertaler wie eine Dampfwalze, der man sich entgegenstellt.

Andererseits ist das Wollhaarnashorn eine fast unbezahlbare Beute. Es liefert alles, was das Herz begehrt. Besonders die langen, zotteligen Haare lassen sich hervorragend zu einer wärmenden Lagerstatt verarbeiten. Und bergeweise Fleisch, von dem die Sippe ja nie genug bekommen kann. Auch die Hörner und die Knochen können für die Herstellung von Werkzeugen verwendet werden. So hat zum Beispiel eine Frau neulich herausgefunden, dass man mit einem spitzen Knochensplitter gut durch Leder hindurchbohren kann. Durch die Löcher können pflanzliche Fasern gezogen werden, sodass verschiedene Lederstücke miteinander verbunden werden. Für die Herstellung von Bekleidung sind das ganz neue Möglichkeiten.

Wie also herankommen an dieses riesige Tier? Die Jäger wissen, dass es wohl nicht so gut sehen kann, andererseits hat es aber einen guten Geruchssinn. Die Erfahrung ihrer Sippenältesten hat sie gelehrt, dass sie sich Tieren am besten immer gegen die Windrichtung nähern müssen. Unsere zwei haben jedoch das Gefühl, dass sie heute keinen Erfolg haben werden. Offenbar sind auch nicht genug Jäger da. Da ist es sicherer, sich auch mal vornehm zurückzuziehen. Bein nächsten Mal klappt's sicher besser.

 

Kampf gegen das Mammut   top

Was die Jagdgesellschaft hier veranstaltet, ist das gefährlichste Unternehmen überhaupt. Es ist eher eine Mutprobe, denn das Mammut ist das gewaltigste Tier ihres Lebensraumes. Zudem trifft man es fast nie allein an, sondern immer in größeren Herden, die sehr wehrhaft sind.

Trotzdem - kein Lebewesen kann den Urmenschen auf Dauer entgehen. Mit Überlegung und Geschick halten sie die Gefahr möglichst klein. Zuerst halten die Jäger Ausschau nach alten oder kranken Tieren. Hat man eines entdeckt, wird es von der Herde getrennt und in die gewünschte Richtung getrieben, denn auch diese riesigen Tiere haben natürlich Angst vor den fremdartigen Menschenwesen, die so viel Lärm veranstalten und mit langen Stangen herumfuchteln.

 

Szene aus dem Prehisto-Parc Les Eyzies, Frankreich

Die Jäger haben vorher eine Falle vorbereitet. Das ist aber nicht etwa eine Fallgrube, wie es heute oft behauptet wird. Eine Fallgrube auszuheben, ist für die eiszeitlichen Menschen schier unmöglich, da der Boden dauerhaft vereist ist. Nur an der Oberfläche taut er im Sommer auf, an manchen Stellen wird ein Schlammloch daraus. Ein solches Loch haben die Jäger ausgesucht und Äste darüber gelegt. So entsteht für das Mammut eine Stolperfalle, aus der es sich nicht schnell genug wieder befreien kann. Manchmal brechen die Tiere sich auch die Beine, wenn sie mit hohem Tempo in eine solche Falle hineinlaufen. Nun haben die Jäger leichtes Spiel. Aber sie müssen aufpassen, denn nicht selten kommen weitere Mammute von hinten, um dem bedrängten Artgenossen beizustehen.

 

 

Faustkeile und Knochen    top

Faustkeile waren Mehrzweckwerkzeuge. Sie konnten zum Schlagen, Spalten oder Graben, zum Schneiden und zum Abschaben von Fellen und zum Glätten der Speere benutzt werden.

Speerspitze

Beil

Knochen waren ebenfalls als Werkzeuge einsetzbar. Aus ihnen konnten Nadeln  und Angelhaken gefertigt werden.  Unterarmknochen von Wollhaarnashörnern wurden u. a. als Amboss benutzt.

 

 

Neandertaler   top

Wer waren die Neandertaler? Vor einhundert Jahren war noch alles klar: primitive Primaten, die von höherstehenden Konkurrenten verdrängt und ausgerottet wurden. Später kamen Zweifel auf, und jetzt stellt sich heraus: Die Neandertaler gehören zur Art Homo sapiens (wissender Mensch).

Sie waren die Ersten, die aus dem Dunkel unserer Vorgeschichte auftauchten: Als im Jahre 1856 in eine steil abfallende Schlucht über der Düssel im Neandertal eine Kalksteinhöhle gesprengt wurde, fanden Arbeiter in einer Erdschicht weißliche Knochen. Nur die größten Stücke davon sammelten sie auf: eine Schädeldecke, zwei Oberschenkel- und zwei Oberarmknochen, eine Beckenhälfte und fünf Rippen.

Immerhin sieben Jahre brauchten die Wissenschaftler, bis feststand, dass diese Teile eines menschlichen Skeletts nicht etwa von einem rachitischen mongolischen Kosaken stammten, der auf der Flucht vor Napoleons Armee sein Leben verlor; auch nicht von einem pathologischen Idioten; ebenso wenig war es ein tierischer Wilder, wie manche vermuteten. Bei genauerer Untersuchung der Fundstelle entdeckte man in derselben Erdschicht auch primitive Steinwerkzeuge. Nun bestand kein Zweifel mehr: Hier waren die Überreste eines frühen Menschentyps entdeckt worden.

Drei Jahre nach dem spektakulären Fund - 1859 - veröffentlichte der englische Naturforscher Charles Darwin sein Hauptwerk "Von der Entstehung der Arten", das auch die Abstammung des Menschen behandelt. Starker Tobak für die Zeitgenossen: Nicht nur, dass sie sich plötzlich ins Tierreich eingeordnet wieder fanden - die Abstammung von diesem hässlichen, grobschlächtigen Geschöpf aus dem Neandertal war denn doch zu viel. Sie konnten sich dieses Lebewesen nur als dumm und brutal vorstellen, ungefähr als Gegenteil dessen, was sie als geistige Elite der Schöpfung bezeichneten.

Dreißig Jahre nach dem Fund im Neandertal - 1886 - wurden in der belgischen Höhle von Spy zwei weitere Skelettfragmente entdeckt, wieder zusammen mit steinzeitlichen Faustkeilen und Blattspitzen. Nun war endgültig klar, dass nicht die Rachitis jene monströsen Überaugenwülste an den ausgegrabenen Schädeln verursacht hatte, sondern dass es sich hier um das charakteristische Merkmal eines Frühmenschen handelte, denn auch die beiden neuen Funde zeigten jene Prägung, die bald als typisch für den "klassischen Neandertaler" in die Antropologie eingehen sollte: große, runde, knöcherne Augenhöhlen, große Nasenöffnungen, vorspringender Oberkiefer ohne Wangengrube; und besonders auffallend der große Gesichtsschädel mit der fliehenden Stirn, stark hervortretende Überaugenwülste, ovaler Schädelquerschnitt und das -fliehende Kinn", das im Gegensatz zum Profil des modernen Menschen noch kaum nach vorn gewölbt ist.

Die Knochen des Neandertalers waren - relativ zur Körpergröße - besonders dick: Männliche Neandertaler waren höchstens 155 bis 160 Zentimeter groß, die Frauen entsprechend kleiner. Und noch etwas zeichnete diese Frühmenschen aus, was nach den ersten Funden etwas irritierte: Das Gehirnvolumen betrug bis zu 1600 Kubikzentimeter - also 200 mehr, als der heutige Mensch im Durchschnitt vorweisen kann.

Auch scheint der für uns unansehnlich Typ scheint immerhin schon ein Seelenleben gehabt zu haben. In den Fünfzigerjahren entdeckte man in der irakischen Höhle von Shanidar eine Begräbnisstätte, die geradezu vom empfindsamen Seelenleben der Neandertaler zeugt: Man fand das gekrümmte Skelett eines Mannes, dessen Leiche wahrscheinlich auf Farnblätter gebettet und mit sieben Blumenarten (die Pollen waren noch erhalten) geschmückt wurde: Schafgarbe, Kornblume, Distel, Spitzwegerich, Zwerghyanzinthe, Waldfarn und Malwe. 

Wahrscheinlich waren es also Neandertaler, die als Erste ihre Toten bestatteten. Aber was war ihr Motiv? Wollten sie sie vor wilden Tieren schützen, weil sie glaubten, dass die Toten an einem unbekannten Ort weiterlebten? Jedenfalls gaben sie ihnen Ketten aus Muscheln oder Eckzähnen von Fuchs und Hirsch mit ins Grab, Steinwerkzeuge und vermutlich auch Nahrung. Manchmal bestreuten sie Ihre Toten auch mit rotem Ocker, vielleicht ein Symbol für das Blut, Merkmal des Lebendigen, das sie den Toten zurückgeben wollten.

Aber aus den Knochen sind noch andere wichtige Dinge abzulesen: zum Beispiel, dass diese Menschenart für ihre Kranken sorgten, und zwar weit mehr, als es höhere Tierarten tun, wenn sie Wunden lecken. Ein Neandertaler hatte einen gebrochenen Unterarm, der nicht mehr richtig zusammengewachsen war. Bei einem war sogar der Unterarm amputiert, und ein Bein war verkrüppelt. Ein anderer hatte eine missgebildete Hüfte und muss stark gehbehindert gewesen sein, auch gebrochene Rippen kommen vor. Trotz dieser Behinderungen müssen diese Menschen noch jahrelang gelebt haben - als Einzelgänger hätten sie das nie geschafft.

Dem Neandertaler gelang es auch, sich Höhlen nutzbar zu machen. Dazu mussten erst die wilden Tiere vertrieben werden. Das konnte aber erst gelingen, nachdem der Mensch gelernt hatte, mit dem Feuer umzugehen. Feuer vertrieb die Raubtiere und brachte Wärme in die feuchte Stätte. Vermutlich konnte der Neandertaler das Feuer nicht nur entfachen, sondern es auch schon bewahren. An einigen Wohnplätzen fand man Schwefelkiesknollen, die, auf Feuerstein geschlagen, Funken sprühen. Ihre Lager schlugen sie aber an Höhleneingängen oder auf Höhlenvorplätzen auf, am liebsten an Flussufern.

Aus Funden schließen die Forscher, dass die Neandertaler in den Steppenlandschaften der Kaltzeiten ein Gebiet von hundert Kilometern durchwandert haben. Immer mehr Funde und immer bessere Untersuchungsmethoden haben das Bild vom Neandertaler in den letzten Jahrzehnten gründlich korrigiert und verdeutlicht. Er ist nicht mehr der dumme Tölpel, als den ihn noch unsere Großväter sahen. Dass er sprechen konnte gilt inzwischen als erwiesen, da sein Skelett ein Zungenbein aufweist, Voraussetzung zur Artikulation menschlicher Sprachlaute.

Es wird von Jahr zu Jahr schwerer, den Neandertaler zu beschreiben. Aus der Vielzahl der Funde in Europa, Asien und Afrika wird immer deutlicher, dass es außer dem "klassischen" Neandertaler auch noch andere Typen dieser Gruppe von menschlichen Lebewesen gab.

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man nicht nur, dass die typischen Neandertaler-Merkmale an den Skeletten verschieden stark ausgeprägt sind; an vielen Schädeln erkennt man inzwischen auch Mischformen zwischen dem Homo sapiens sapiens und dem Homo sapiens neanderthalensis. Mit der Zeit regten sich immer mehr Zweifel, ob es den Neandertaler - allein auf seinem aussterbenden Evolutionsast - überhaupt gegeben hat.

Funde zeigen, dass die Überlebensspanne des Neandertalers einen Zeitraum zwischen 135 000 und 35 000 Jahren vor der Gegenwart gefüllt hat. Er wurde zwar zum Homo sapiens neanderthalensis befördert, sollte aber bisher nach Meinung maßgeblicher Forscher nichts zum Erbgut des Homo sapiens sapiens beigetragen haben. Das hat sich inzwischen geändert. Forscher des Max-Planck-Instituts haben genetisches Material von Neandertalern isoliert und sind dabei, den genetischen Code dieses Menschentyps zu entschlüsseln. Aufgrund des vorhandenen Materials haben sie das Erbgut von Menschen verschiedener Kontinente mit dem des Neandertalers verglichen. Es hat sich gezeigt, dass der moderne Mensch Genstrukturen des Neandertalers aufweist. Nur bei Menschen aus Afrika lässt sich dieser Nachweis nicht führen. Das legt den Schluss nahe, dass die Entwicklung dieser beiden Menschentypen außerhalb Afrikas eine zeitlang parallel und gleichartig verlief. Da, wo sie aufeinander trafen, hat eine Vermischung stattgefunden. Von einer eigenen Menschenart Neandertaler kann man daher nicht mehr sprechen.

Bleibt die Frage, wie Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensis miteinander umgegangen sind. Vermutlich waren sie sich am Ende so ähnlich, dass ihre Vermischung wie selbstverständlich verlief. Und in manchen Gebieten werden sie sogar miteinander gelebt haben.

Einige isolierte Neandertaler-Stämme mögen tatsächlich ausgestorben sein. Vielleicht hat sich in Europa auch ein Neandertaler-Typ herausgebildet, der an eiszeitliche Bedingungen optimal angepasst war. Und weit und breit war kein moderner Mensch zu sehen, mit dem er sich hätte vermischen können. Denn der moderne Mensch tauchte ja, jedenfalls nach heutigem Kenntnisstand, erst vor 35 000 Jahren in Europa auf. Aber verschwunden ist er nicht, der klassische Neandertaler, er steckt offenbar in uns allen.

 

Das Alter eines Fundes   top

Die bekannteste Datierungsmethode beruht auf dem Zerfall des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops C 14 (Radiokarbonmethode). Ihr Nachteil: Das Fundstück muss für die Prüfung zerstört werden. Außerdem ist die Zerfallszeit des C-14-Isotops für viele Untersuchungen nicht lange genug. Nach 50 000 Jahren ist nur noch so viel C 14 vorhanden, dass eine genaue Datierung unmöglich wird. Dann hilft das Kalium-Argon-Verfahren weiter, das auf dem radioaktiven Zerfall von Kalium 40 beruht. Damit lassen sich auch noch sehr frühe Funde datieren.

Eine andere Methode, das genaue Alter von Frühzeitfunden zu bestimmen, beruht darauf, die Menge der instabilen Spaltspuren von Uran festzustellen. Ist auch nicht genügend Kalium oder Uran in der Probe enthalten, kann man das Magnetfeld der Erde zu Rate ziehen. Im Verlauf der Zeit ändert es seine Richtung und Intensität. Wenn sich nun Erdschichten ablagern, nimmt das darin enthaltene Metall die Richtung des zurzeit herrschenden Magnetfelds an und behält sie bei, versteinert sie gewissermaßen. Das ergibt eine zusätzliche Zeitskala für die Datierung von Gesteinsschichten.

Das Thermoluminiszenz-Verfahren benutzt die ionisierende Wirkung der natürlichen Radioaktivität. Durch sie werden Sand und Gestein verändert. Erhitzt man die Probe, so stellt sich unter Luminiszenz (durch kalte Strahlen hervorgerufene Lichterscheinung) der frühere Zustand wieder her: Je heller die Probe leuchtet, umso älter ist sie.

Ganz neue Hoffnungen stützen sich nun auf Gentechnik-Methoden. Prinzipiell ist es möglich, das Genom eines Lebewesens aus jeder beliebigen Zelle zu bestimmen. An uralten Mumien ist das bereits gelungen. Sobald das Genom des Neandertalers oder irgendwelcher anderer Vorläufer des modernen Menschen zu bestimmen ist, könnten alle Kontroversen um die menschliche Abstammung beigelegt werden. Voraussetzung für eine gentechnische Analyse ist aber, dass man den Zellkern einer Zelle findet - bei prähistorischen Knochen, die stark degeneriert sind, ein großes Problem, an dem gerade geforscht wird.

 

Vor 35.000 Jahren   top

Fünfunddreißig Tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung. Die Würm-Vereisung hat ihren Höhepunkt überschritten. Die klimatischen Bedingungen für die Lebewesen verbessern sich.

Überall auf der Welt taucht ein neuer Menschentyp auf: Homo sapiens sapiens, der zweifach wissende Mensch. In Europa wird er als Cro-Magnon-Mensch bezeichnet nach einem dem Ort Cro-Magnon - einer Halbhöhle - in der Dordogne in Frankreich. In dieser Halbhöhle findet man 1868 das erste Skelett dieses Menschheitsvertreters.

Der Neandertaler ist nicht mehr so häufig anzutreffen. Wie wir bereits gesehen haben, gehen die Meinungen der Forscher auseinander, ob Neandertaler und Cro-Magnon-Mensch miteinander verwandt sind. Sie begegnen sich aber doch hin und wieder bei ihren Jagdgeschäften. Äußerlich unterscheiden sie sich schon. Der Cro-Magnon ist größer, im Knochenbau graziler, die Überaugenwülste fehlen, sein Kinn ist ausgeprägt, der Mund springt nicht so weit vor und seine Nase ist schlanker. Eigentlich sieht er genauso aus wie wir Menschen heute. Der Mensch von Cro-Magnon hat die letzte Stufe der menschlichen Evolution erklommen.

Auch für die Cro-Magnon-Menschen ist die Jagd noch die wichtigste Beschäftigung. Auch bei verbesserten Klimabedingungen können sie sich von Pflanzen allein kaum ernähren. Immerhin herrschen in Mitteleuropa im Juni noch Durchschnittstemperaturen von 110 C. Die Vegetation entspricht weitgehend den Tundren nördlicher Breiten.

Die Jagdmethoden und -waffen hat der Cro-Magnon-Mensch sehr verfeinert. Speere sind weiterhin gebräuchlich. Später wird er auch Pfeil und Bogen benutzen. Die Treibjagd ist sehr beliebt und erfolgreich. Ganze Tierherden werden auf Abgründe zu getrieben und stürzen in den Tod. Auch Schleudersteine und Lassos aus Lederstreifen finden Verwendung. Fallen in Form von Erdgruben oder herabstürzenden Baumstämmen werden angelegt.

Die Jagdtiere dieser Zeit sind seltener Mammut und Wollhaarnashorn. Häufiger werden Wildpferde gejagd, aber auch Höhlenlöwen, Höhlenbären und Höhlenhyänen. Auch der Riesenhirsch ist wichtig, aber den größten Anteil an der Jagdbeute stellt das Rentier. Urrinder und Bisons, Schneehasen und Murmeltiere, Gämsen und Antilopen runden das Bild ab.

Auf vielfältige Weise weiß der Cro-Magnon-Mensch die erlegten Tiere zu verwerten. Neben dem Fleisch sind die Felle besonders begehrt. Sie werden regelrecht bearbeitet, getrocknet, ja sogar mit pflanzlichen Substanzen gegerbt. Aus den Geweihen und Knochen entwickeln die Jäger feine Harpunen, Pfeilspitzen und Nadeln. Die Zeit des Cro-Magnon-Menschen ist die jüngere Altsteinzeit. Sie lässt sich in drei voneinander unterscheidbare Kulturstufen aufteilen, die nach den Fundorten der Werkzeuge und kulturellen Gegenstände benannt wurden:

 

Aurignacien

> 40 000 - 20 000 Jahre vor unserer Zeit

Solutréen    

> 20 000 - 16 000 Jahre vor unserer Zeit

Magdalénien

> 16 000 - 12 000 Jahre vor unserer Zeit

 

Über die Cro-Magnon-Menschen wissen wir deswegen heute so viel, weil sie uns gewissermaßen ihr "Tagebuch" hinterlassen haben. Erstmals in der Geschichte der Menschheit bildet der Mensch nunmehr ab, was ihn bewegt. In zahllosen Darstellungen hat er Kunde davon hinterlassen.

 

Im Lager   top

Wir besuchen eine Familie aus der Zeit des Magdalénien vor etwa 15 000 Jahren in ihrem Lager. Von ihrem äußeren Erscheinungsbild her machen diese Menschen doch einen sehr modernen Eindruck. Die überhängende Felswand bietet ihnen eine ideale Gelegenheit für die Anlage einer Behausung. Ihre Hütte haben sie direkt an den Fels gebaut. Das Dach aus Holzstreben wird von Pfosten gestützt, die in den Boden eingelassen sind. Die Abdeckung besteht aus Tierhäuten und ist wasserdicht, beständig und wärmeisolierend.

Wenn wir in die Hütte hineingehen, können wir bestimmte Zonen deutlich unterscheiden. Da gibt es einen Durchgang, der zu den verschiedenen anderen Bereichen führt: Herdstelle, Ruhezone, Werkstatt. Der Abfall - auch dies deutlich sichtbar - wird außerhalb der Behausung gesammelt. Der Boden ist etwas ausgehoben und mit flachen Steinen belegt. Das schützt die Bewohner vor Feuchtigkeit von unten.

Zentrum und Seele des Familienlebens ist die Herdstelle. Ein Herd kann in den Hütten, aber auch im Freien sein. Feuer hat vielfältige Bedeutung für die Cro-Magnon-Menschen: Schutz vor wilden Tieren, Nahrungszubereitung und Wärme sind eine Seite. Aber der Herd ist mehr, dient er ihnen doch als Treffpunkt nach der Jagd oder bei gemeinschaftlichen Arbeiten. Feuer als Mittelpunkt der sozialen Gemeinschaft. Jung und Alt leben in dieser Gemeinschaft eng zusammen und gehen ihren Tätigkeiten und Neigungen nach. Manchmal ist sogar Zeit, einfach nur herumzusitzen. Das Klima ist milder geworden, das Leben etwas leichter.

 

Beim Fischfang   top

Nahe am Lager vorbei fließt ein fischreiches Gewässer. Die Jäger kennen einige ruhige Stellen, wo es besonders leicht ist, schmackhafte Fische zu erbeuten. Unsere Menschen aus dem Magdalénien haben sich regelrecht auf Fischfang spezialisiert. Nun ja, wer würde nicht auch lieber einen Lachs als einen Höhlenbären jagen? Außerdem können beim Fischen auch die Frauen mitmachen.

Überall gibt es Wasserläufe, Tümpel und Seen. Man hat den Eindruck, dass es von Jahr zu Jahr mehr werden, seitdem das Klima nicht mehr ganz so frostig ist. Ergiebige Fischgründe also, die eine reichhaltige Auswahl bieten: Forellen, Hechte, Aale, Weißfische, Lachse, Barben, Karpfen und auch Schalentiere stehen auf dem Speiseplan.

An Werkzeugen zum Fischfang besitzt der Cro-Magnon-Mensch Harpunen mit raffinierten Spitzen, Angeln, Reusen und Netze. Eine ganz tolle Sache beginnt sich langsam durchzusetzen: Mit einem ausgehöhlten Baumstamm kann man nunmehr auf größere Seen hinauspaddeln und dort natürlich auch größere Fische fangen. Keiner weiß so ganz genau, wer zuerst auf diesen Trick gekommen ist. Dass Holz auf dem Wasser schwimmt, haben die Menschen allerdings längst mitbekommen. Die Kinder haben schon immer gerne Stöckchen in den Bach geworfen. Aber die Sache mit dem Baumstamm - einfach genial! Der Fortschritt ist eben nicht aufzuhalten.

 

Das Begräbnis   top

Schon bei den Neandertalern haben wir die Bestattung der Toten festgestellt. Die Menschen der jüngeren Altsteinzeit, die wir Cro-Magnon-Menschen nennen, bestatten ihre Angehörigen eigentlich nicht anders - wie auch, denn sie haben ja sicher eine Zeit lang neben- oder gar miteinander gelebt und ein Menge voneinander abgeguckt.

Szene aus dem Prehisto-Parc Les Eyzies, Frankreich

Aber bei den modernen Menschen wird die Begräbniszeremonie noch vertieft. Der Körper des Verstorbenen wird so angeordnet, dass es ihm das Aussehen eines eingeschlafenen Menschen verleiht. Allerlei Gaben werden dem Grab beigegeben: Blumen, Werkzeuge, Reste von Tieren. Wie bei den Neandertalern werden die Toten ebenfalls mit Ockerrot bestreut, Symbol für Blut und Leben. Die trauernden Hinterbliebenen scheinen besonders festlich gekleidet zu sein. Stirnbänder, Haartracht und Schmuck sind anders als sonst. Und die brennende Fackel, ist sie ein Symbol ewigen Lebens? Ist bei dieser Art der Bestattung schon so etwas wie ein religiös-mystisches Bewusstsein im Spiel? Ist es eine regelrechte Kulthandlung? Leider können wir diese Menschen nicht mehr fragen.

Allerdings, die Art der Bestattung wird späteren Forschern einmal eine Menge Erkenntnisse über das Leben (und Sterben) der Cro-Magnon-Menschen bringen. Die Inhalte der Gräber gehen über die Jahrtausende nicht verloren, da sie durch Steine geschützt werden. Keine Chance für Tiere, sich über die Toten herzumachen.

 

Der Künstler   top

Niemals zuvor in unserer Jahrmillion währenden Reise ist uns etwas Derartiges begegnet. Eigentlich trauen wir unseren Augen kaum. Ein Mann steht vor einer Felswand und - malt!

Szene aus dem Prehisto-Parc Les Eyzies, Frankreich

Ist aus unserem entschlossenen Jäger ein Weichling geworden, ein prähistorischer Hippie sozusagen? Man muss es anders sehen. Die Cro-Magnon-Menschen haben erstmals in der Menscheitsgeschichte Zeit, sich und ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen. Alle anderen Vorfahren bis hin zum Neandertaler waren mit dem gnadenlosen Überlebenskampf beschäftigt. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass auch sie sich hin und wieder ausgedrückt haben, aber es gibt keine überlieferten Beispiele dafür.

Erst seit 30 000 Jahren beginnt der Mensch, dauerhaft Zeugnis seiner künstlerischen Fähigkeiten abzulegen. Die vorhistorische Kunst muss als Schöpfung des Cro-Magnon-Menschen angesehen werden. Einen dieser Schöpfer sehen wir hier - unterstützt von seiner Frau - bei seinem Werk. Er malt das, was er kennt, was ihn täglich bewegt: Nashorn und Bison, Tiere seines Jagdlebens. Er hat kein Foto oder ein leibhaftiges Modell, er malt aus der Erinnerung. Selbst nach Tausenden von Jahren erkennen wir sofort, was er meint. Wer wollte da bestreiten, dass wir einen Künstler vor uns haben und dass der Mensch einen weiteren wichtigen Schritt in seiner Entwicklung getan hat. Nicht nur das Alltagsleben beschäftigt ihn nun, sondern auch die geistig-seelische Auseinandersetzung damit.

Unser altsteinzeitlicher Künstler nutzt geschickt den Untergrund, auf dem er arbeitet. Die natürliche Beschaffenheit der Felswand bezieht er in sein Kunstwerk ein. Beobachtungsgabe, Intuition und handwerkliches Geschick sind dazu nötig. An Malmitteln werden mineralische Farbstoffe wie Eisenoxid verwendet. Sie liefern ihm eine Farbpalette von Ocker, Gelb, Rot bis zu Braun und Violett. Manganbioxid ergibt Schwarz. Große Farbflächen werden vorher angefeuchtet oder mit Fett bestrichen, damit das Pulver haftet. Mit PInseln aus Tierhaaren, mit den Fingern, mit faserigen Zweigen oder gar Schablonen wird der Farbstoff aufgetragen.

Die Kulturstufe des Magdalénien ist gewissermaßen die Hochzeit der altsteinzeitlichen Kunst. Es wird nicht nur gemalt. Mit Meißeln wird in Felsen eingeritzt. Auch figurative Darstellungen wie Skulpturen entstehen. Besonders Schnitzereien aus Knochen, Hirschgeweihen oder Elfenbein zeugen von großem künstlerischen Vermögen. Jetzt entstehen auch die Kathedralen der Steinzeitkunst, die großen, tief in die Felsen führenden Höhlen, die übersät sind mit einem unglaublichen Reichtum an Tierdarstellungen. Hervorzuheben sind die weltbekannten Höhlen von Altamira in Nordspanien und Lascaux in der französischen Dordogne. In diesen Höhlen hat nie ein Frühmensch gewohnt, dort hat er nur gemalt und seine Seele ausgebreitet. Das Wort "Heiligtum" für diese Stätten ist sicher nicht zu hoch gegriffen.

Tiere bilden das zentrale Thema. Etwa fünfzig Gattungen sind feststellbar, Pferde, Rinder, Steinböcke, Hirsche, auch Mammute oder Raubtiere, um nur einige zu nennen. Manchmal tauchen Fische auf, sie werden auch gerne eingeritzt. Vögel sieht man selten, Pflanzen nie. Es gibt daneben noch symbolische Zeichen, um deren Bedeutung man nicht weiß. Der Mensch selbst wird fast ausgeklammert; wenn überhaupt, dann ist die Darstellung nicht vergleichbar mit den äußerst präzisen Tierbildern. Sehen sich die Frühmenschen noch nicht als das Maß aller Dinge?

Wenn wir nun unseren Künstler fragen, warum er malt, was wird er antworten? Vermutlich wird die Antwort nicht anders und genauso vielschichtig ausfallen wie bei einem heutigen Künstler - wenn er überhaupt antwortet:

  • "Ich male, weil es mir Spaß macht."

  • "Ich male, weil ich Talent habe."

  • "Ich male, weil ich etwas im Bild festhalten will."

  • "Ich male, weil ich mir ein Heiligtum schaffen will."

  • "Ich male, weil ich es wie ein Zauber ist."

  • "Warum muss ich es eigentlich erklären, das Bild ist doch Erklärung genug?"

In der Tat ist gerade die große kreative Schaffenskraft unserer Vorfahren umso unerklärlicher, da sie doch vorwiegend an Orten hinterlassen wurde, die auch für uns moderne Menschen ihre Tücken haben. Die "Heiligtümer" altsteinzeitlicher Kunst sind große Höhlen, die Forscher zum Teil nur mit umfangreicher Ausrüstung und unter vielen Sicherheitsvorkehrungen begehen konnten und können. Der Autor Louis-Rene Nougier, französischer Professor für Frühgeschichte, hat dies in seinem Buch "Die Welt der Höhlenmenschen" am Beispiel der Höhle von Rouffignac (Dordogne) anschaulich dargestellt. Diese Höhle hat er selbst entdeckt und wissenschaftlich erschlossen.

Die Höhle von Rouffignac ist ein riesiger Komplex, der sich auf einer Länge von zehn Kilometern über drei Geschosse hinzieht. Ein verwirrendes, verästeltes System mit gähnenden Abgründen, unterirdischen Wasserläufen und zahllosen Gangkreuzungen. Schon in meinem Vorwort habe ich erwähnt, wie beeindruckend die Begehung der Höhle von Niaux für mich war, die im Vergleich zu Rouffignac wirklich überschaubar ist.

Wie ist es nur möglich, dass die Cro-Magnon-Menschen solche Höhlen auch nur annähernd erkunden, darüber hinaus aus ihnen aber auch noch Gemäldegalerien der Steinzeit machen konnten? Man stelle sich einmal vor: Nougier berichtet von mehr als siebenstündigen Begehungen in Rouffignac. Wie mag es da den Steinzeitmenschen gegangen sein? Ausgerüstet mit Fackeln dringen sie in eine unbekannte, stockfinstere Welt ein, deren Ende sie nicht kennen, getrieben vom Hunger nach neuen Erkenntnissen, ausgestattet mit ungeheurem Mut. Werden die Fackeln reichen, werden sie den Rückweg wieder finden? Werden unbekannte

Mächte sie im Inneren der Höhle bedrohen? Sicher ist es vielen von ihnen so ergangen wie zwei Holländern, die - wie Nougier berichtet - offenbar bereits 1730 in Rouffignac einzudringen versuchten. Bald ging ihnen das Licht aus, und sie verloren die Orientierung. Einer starb an Unterkühlung, der zweite gelangte nach neun Tagen wieder ans Licht, verstarb aber bald an geistiger Erschöpfung.

Kann man unter dieser Anspannung überhaupt noch kreativ sein? Die Ergebnisse sprechen für sich. Nichts konnte diese Menschen daran hindern, sich die Höhlen anzueignen, sich ihrer als riesige natürliche Ateliers zu bedienen. Im spärlichen, flackernden Licht ihrer Wacholder- oder Fettlampen haben sie Zeugnis gegeben von ihren Empfindungen, die wir aber noch zu wenig zu deuten wissen. Man kann kaum erahnen, was die frühen Maler bewegt haben muss. Aber die Tierwelt der Eiszeit lebt in ihren Werken bis heute weiter.

Nicht nur Tiere haben sie dargestellt. Was nur mögen die Punkte und Striche bedeuten, die auf einem Felsblock in Niaux zu sehen sind? Mitteilungen, Ansätze einer Schriftsprache? Und wie ist es zu erklären, dass sich derartige Zeichen auch in anderen, weit entfernten Höhlen in Spanien wieder finden? Selbst die Zeichen ihrer körperlichen Anwesenheit haben die Höhlenmaler uns hinterlassen. In Niaux sind ihre Fußabdrücke in eine Lehmschicht eingedrückt.

So sind die für die Menschheitsgeschichte so bedeutsamen frühesten geistigen Überlieferungen gleichzeitig auch die rätselhaftesten. Die ältesten Darstellungen finden wir in Australien, geschaffen vor dreißigtausend Jahren; sie sind also weit älter als die Abbildungen in Frankreich. Sie legen Zeugnis davon ab, dass der Homo sapiens sapiens sich überall ausgebreitet und die höchste Stufe der Evolution erklommen hat.

 

Neandertaler der Zukunft?   top

Am Ende der Altsteinzeit hat sich der moderne Mensch Homo sapiens sapiens überall auf der Welt niedergelassen. Neben ihm gibt es keine andere menschliche Lebensform mehr. Zwar hat der Neandertaler ihn eine Zeit lang begleitet, aber es wurde schon angedeutet, dass dessen Verbleib noch im Dunkel der Geschichte verborgen ist. Im Wesentlichen gibt es drei Theorien zur Ausbreitung des modernen Menschen auf der ganzen Welt:

  1. Er stammt von Formen des vor 200 000 Jahren in Afrika beheimateten Homo sapiens ab. Dieser breitete sich - nach Zwischenstadien im heutigen Israel - entlang des Mittelmeeres in europäische Regionen und entlang des schwarzen Meeres in asiatische Gebiete aus. Dort verdrängte er alle vorkommenden Formen, also auch den asiatischen Homo erectus. Diese Annahme wird von Analysen des Erbgutes verschiedener Populationen unterstützt, die eindeutig nach Afrika weisen.

  2. Eine andere Auffassung geht davon aus, dass auch in den verschiedenren Gebieten der Erde örtliche Evolutionen des Homo erectus in Richtung Homo sapiens stattgefunden haben. Allenfalls eine spätere Vermischung des afrikanischen Sapiens-Typs mit dem asiatischen Erectus-Typ sei denkbar.

  3. Die neueste - ab 1992 vertretene - Variante geht auf die angeblich verschwundenen Neandertaler ein, bezieht sich also auf den europäischen Raum. Nach dieser These stammen wir Europäer nun doch von den Wesen mit den wulstigen Augenbrauen ab. Dies widerspricht aber der afrikanischen "Urmutter"-Theorie. Der amerikanische Anthropologe Alan Mann glaubt auf Grund von Zahnschmelzuntersuchungen, dass zwischen Neandertalern und Europäern mehr Gemeinsamkeiten bestehen als zwischen Afrikanern und Europäern. Es sei auch falsch, die Neandertaler als isolierten eigenen Menschenschlag zu betrachten. Vielmehr seien sie weit umhergezogen und hätten sich frühzeitig mit anderen Populationen vermischt. Auch ihr Sozialverhalten habe man bisher immer unterschätzt.

Sicher steckt in all diesen Theorien irgendwo ein richtiger Kern, die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen. Die "Urmutter" des modernen Menschen stammt entweder aus Afrika, dafür spricht der älteste Hominidenfund "Lucy". Oder aber es hat mehrere Zentren der menschlichen Evolution zum Homo sapiens sapiens gegeben. Wobei letztere Annahme aber noch nicht schlüssig erklären kann, wie es zum einheitlichen Genpool aller Menschen dieser Erde gekommen ist.

Wir alle, die wir heute die Erde milliardenfach bevölkern, sind von einer Sorte, ausgestattet mit 46 Chromosomen. Obwohl es uns oft so scheinen will, als seien vielerlei Arten von Menschen existent, müssen wir uns dies klar machen. Das, was fälschlich als "Rassen" bezeichnet wird, also alle dunkel-, gelb-, rot- oder hellhäutigen Menschen, entstand erst im Verlauf der Mittel- und Jungsteinzeit. Äußerlich vielleicht unterscheidbar, würde eine Erbgutuntersuchung dieser so verschieden anmutendenden Typen es an den Tag bringen: keine Unterschiede.

Allerdings bringt das Ende der Altsteinzeit, fast gleichzeitig auch das Ende der letzten Vereisung, dem Menschen eine rasante kulturelle Entwicklung. In allen seinen hinterlassenen Werken dokumentiert sich: dieser Mensch beginnt, die Welt zu verändern. Noch zeichnen sich die negativen Aspekte dieser Aussage nicht ab. Vielmehr erleben wir eine vielfältige Reifung auf allen Ebenen, so komplex, dass allein der Abschnitt Mittel-/Jungsteinzeit eine eigene Darstellung erfordern würde.

Zu nennen wären da die schnelle technische Entwicklung der Werkzeuge und Geräte, der gesellschaftliche Umbruch durch Sesshaftwerdung, die Kultivierung der Landwirtschaft und die immer intensivere geistige Auseinandersetzung. Wohin all dies in den letzten 2 000 Jahren geführt hat, sollte uns der Geschichtsunterricht in der Schule vermittelt haben. Heute nun stehen wir vor der Situation, dass der Mensch als "Krone der Schöpfung" - um diesen Ausdruck noch einmal aufzugreifen - zwar von allen Lebewesen den höchsten Stand der Evolution erreicht hat (wobei allein er der Richter ist!), gleichzeitig aber eben dadurch in der Lage ist, sich selbst, ja die ganze Erde, mit einem Schlag hinwegzufegen. Hiroshima und - in jüngster Zeit - Tschernobyl haben uns einen Vorgeschmack davon vermittelt.

Ist der Mensch also noch zu retten, nachdem er - alles in allem - zwanzig Millionen Jahre gebraucht hat, das zu werden, was er heute ist? Vielleicht, muss man als Optimist sagen. Zu was wird er es denn noch bringen? Auch da kann die Antwort nur vage bleiben. Mehr Fortschritt? Vielleicht. Fortschritt könnte zum Beispiel im Bereich der Gentechnologie liegen, könnte den Sieg über Krankheiten wie Krebs und Aids bringen. Das wäre gut so. Andererseits aber könnten Genmanipulationen zu einem schieren Aberwitz führen: Was im Laufe der Evolution abgeschafft wurde, nämlich die Typenvielfalt der menschlichen Existenz, könnte hier auf dem experimentellen Weg wieder eingeführt werden. Neue Menschen durch neue Gene. Eine Horrorvorstellung!

Bei allem Fortschritt ist eines sicher: Die Vergangenheit wird uns immer wieder einholen. Je mehr in der Erde gegraben wird, umso mehr treten uns die Zeugen der Geschichte entgegen. War es gerade noch der Similaun-Mann aus der Bronzezeit, so lesen wir heute über den Fund von Mammutgebeinen an der Lippe. Gut vorstellbar, dass die Urgeschichte der Menschen öfter mal neu geschrieben werden muss. Und was wird man wohl dereinst - siehe Überschrift - über uns schreiben?

 

Zeitleiste Altsteinzeit bis heute   top

Die menschlichen Kulturstufen seit Beginn der Jungsteinzeit werden bezeichnet nach der Art der datierten Funde und den Fundorten. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Keramik-Artefakte, die für die jeweilige Kulturstufe typisch sind und die als Leitkulturgut dienen. Die Angaben gelten für unseren Raum.

 

Jahre

Zeitalter

Kulturstufe

 

 

Technik

2000

Neuzeit

 

Siegburg

 

 

 

 

1000

 

 

0

Mittelalter

Frankenzeit

 

Römerzeit

Ringsdorf

Badorf

 

 

Schrift-

quellen

 

Stadt-

kultur

 

Eisenzeit

Latènekultur

Hallstattkultur

Töpfer-

scheibe

 

Geld

Glas

1000

   

 

 

 

 

Bronzezeit

Urnenfelderkultur

Ältere Bronzezeit

 

Land-

wirtschaft

Metall-

guss

2000

 

3000

 

 

Jungsteinzeit

Becherkulturen

 

Trichterbecher-

Kultur

 

Michelsberger Kultur

 

Rössener Kultur

 

 

Pflug

Pferd

 

Rad

4000

 

Bandkeramische Kultur

Getreide

Keramik

Haustiere

 

Bergbau

Hausbau

Sesshaftig-

         

keit

 

Mittelsteinzeit

Tevener Gruppe

HambacherGruppe 

 

 

 

8000

   

 

 

 

 

Altsteinzeit/Eiszeitalter

Aufstieg des Menschen vom Urmenschen zum Homo sapiens

Jagd- und Sammel-

wirtschaft

 

Steinwerk-

zeuge

1Mill.

   

 

 

 

 

 

Nachtrag   top

Wie schon wiederholt angedeutet wurde, gibt es immer wieder Erkenntnisse, die die Evolution der Menschheit in einem neuen Licht erscheinen lassen. So muss auch die Darstellung in den Urigen Zeiten um einige aktuelle Varianten ergänzt werden.

Wie bekannt wurde, entdeckte ein deutsch-amerikanisches Forscherteam in Malawi - also wiederum auf der bekannten Schiene des Ostafrikanischen Grabensystems - den Unterkiefer eines hominiden Wesens. Der Altersbestimmung nach musste das Fossil 2,5 Millionen Jahre alt sein. Die Paläontologen schrieben den Fund der Gattung "Homo" zu und gaben der Art den Namen "Homo rudolfensis".

Da im Schürfgebiet in Malawi auch sehr einfache Steinwerkzeuge vorhanden waren, sind der deutsche Paläontologe Friedemann Schrenk und sein amerikanischer Kollege Tim Bromage überzeugt, dass Homo rudolfensis noch vor Homo habilis den Übergang von den Australopithecinen zum Homo erectus einleitete.

Ein wissenschaftlicher Streitpunkt ist immer noch die Frage, wann und wo der Homo erectus sich anschickte, zum Homo sapiens zu werden. Wanderte er aus Afrika aus und entwickelte sich an verschiedenen Orten der Welt parallel zum Homo sapiens (Multiregionale Hypothese)? Oder hat sich der Homo sapiens ausschließlich in Afrika aus dem Homo erectus entwickelt, dann erst seine Reise in alle Welt begonnen und dort die Nachfahren des bereits vor ihm ausgewanderten Homo erectus verdrängt (Out-of-Africa-Hypothese)? Die zweite Annahme wird durch die Tatsache gestützt, dass der Homo erectus zwar bis ins ferne China und nach Java gelangte, Knochenfunde des modernen Menschen außerhalb Afrikas aber allesamt jünger als 100 000 Jahre sind. Eine neue Studie von Forschern der University of Michigan ("Nature" - Bd. 451, S. 998) legt ebenfalls die Out-of-Africa-Theorie nahe. 485 Menschen aus aller Welt wurden genetisch miteinander verglichen. Das Ergebnis war deutlich. Der Mensch hat die Erde vom Süden Afrikas aus besiedelt in dieser Reihenfolge: Nordafrika, Naher Osten, Europa, Asien, pazifische Inseln, Amerika.

Allerdings muss der Homo erectus seinen afrikanischen Exodus viel früher angetreten haben als man bisher glaubte. Die erneute Altersbestimmung eines Kinderschädels der Art Homo erectus aus Java brachte statt der erwarteten eine Million Jahre den verblüffenden Wert von 1,8 Millionen Jahren. So viel früher müssen demnach die ersten Menschen Afrika verlassen haben. Dann kann aber die Wanderbewegung nicht - wie bisher angenommen - eine Million Jahre gedauert haben, denn so weit reicht die Datierung in Afrika einschließlich Homo rudolfensis nicht zurück. Carl Swisher vom Institut für Menschheitsentwicklung in Berkley geht nunmehr davon aus, dass die Urmenschen nur 100 000 Jahre für ihren Treck brauchten.

Aufgrund der neuen Daten hat die These mancher Forscher keine Grundlage mehr, eine solche Wanderbewegung sei nur möglich gewesen durch die technische Weiterentwicklung der Steinwerkzeuge. Weiterentwickelte Werkzeuge wie Steinkeile hat man in Verbindung mit dem Homo erectus nirgendwo gefunden. Dieser hatte offenbar Afrika längst verlassen, als sich dort vor 1,4 Millionen Jahren eine modernere Werkzeugkultur (durch Homo sapiens?) herausbildete. Nicht unwahrscheinlich, dass der Auszug aus Afrika in mehreren Schüben erfolgte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis eines Genforschungsprojekts. 500 Bevölkerungsgruppen in aller Welt wurden auf genetische Gemeinsamkeiten untersucht. Nach den Erkenntnissen der Genforscher entstand der Homo sapiens vor 200 000 Jahren in Afrika(!) und zog vor 100 000 Jahren in die Welt hinaus: zuerst nach Asien, vor 55 000 Jahren nach Australien, vor 35 000 Jahren nach Europa und vor 15 000 Jahren nach Amerika. Biologisch sei es Unsinn, überhaupt von menschlichen Rassen zu reden, meinen die Forscher nach Auswertung ihrer Studie, weil alle Menschen genetisch außerordentlich eng miteinander verwandt sind.

Während die Genetiker aber noch die Vorstellung einer "Urmutter der Menschheit" vertreten, hat der Tübinger Molekularbiologe Jan Klein Hinweise, dass sich die Menschheit aus etwa 10 000 Individuen entwickelte.

Aber zurück zum Homo rudolfensis! Sein Gehirnvolumen betrug 800 Kubikzentimeter (Lucy 400; Homo erectus 900). Nach Schrenk stellte er seine Werkzeuge immer da her, wo er sie benötigte, vornehmlich, wenn er von den Knochen eines verendeten Tieres das Fleisch abschaben wollte. Er war offenbar nicht der große Jäger, sondern Allesfresser, und ernährte sich auch und gerne von Aas. Gegenüber den Australopithecinen boisei, robustus und aethiopicus hatte Homo rudolfensis - so der Forscher - den Vorteil des Fleischkonsums. Diese Australophitecinen waren reine Vegetarier und konnten bei der damaligen dramatischen Klimaveränderung durch die Eiszeit ihre Art wegen des eintretenden Nahrungsmangels nicht erhalten.

Homo rudolfensis musste sich in der Gruppe - wollte er sich Fleisch beschaffen - besser und sozialer organisieren. Vermutlich war er der erste Mensch, der seine Arbeit teilte. Männer besorgten die Nahrungsbeschaffung, Frauen kümmerten sich um Kinder. Soweit die Hypothesen von Schrenk.

Fazit: Es hat sich gezeigt, dass neuere Datierungen immer weiter in die Vergangenheit zurückreichen. Nicht zuletzt hängt das mit den modernen Datierungsmethoden zusammen. Dadurch gerät natürlich das mühsam aufgestellte Gerüst der menschlichen Entwicklungsgeschichte schnell mal ins Wanken, ein neues muss her. Dass die Forscher in ihren Erklärungsmodellen mitunter viel Phantasie walten lassen, ist nur natürlich.

Einer der wichtigsten Fragen der Hominidenevolution glaubt man näher gekommen zu sein: Was geschah vor Lucy? Ein Fund hominider Skelettteile in Kenia gibt Anlass zu neuen Spekulationen. Sie wurden auf ein Alter von 6 Millionen Jahren datiert und sind so beschaffen, dass auf Grund des Gebisses und der auf aufrechten Gang hinweisenden Knochenbeschaffenheit der Weg in Richtung Menschwerdung zeigt. Man gab dem schimpansengroßen Wesen die Bezeichnung "Millennium Mensch", was nun völlig abwegig ist, da es sich keinesfalls um einen Menschen handelt, sondern um eine Vorform wie eben Lucy auch. Aber eine solche Vorform hat es offensichtlich weit eher gegeben als bisher angenommen. 2,8 Millionen Jahre früher als Lucy gab es schon aufrecht gehende Hominiden. Also muss sich die Abspaltung von der Linie der Schimpansen und Gorillas ebenfalls weitaus früher (oder anders) ereignet haben. Handelt es sich hier um "The Missing Link"? Wir sollten vorsorglich davon ausgehen, dass es wohl noch viele Überraschungen im Hinblick auf die Entwicklung der Vormenschen geben wird. Möglich auch, dass man die Wahrheit nie ganz wird ergründen können.